• vom 11.10.2017, 16:26 Uhr

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Update: 11.10.2017, 16:38 Uhr

Babylon Berlin

Schampus und "Tote Oma"




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Von Christina Böck

  • Die Zwanziger-Jahre-Serie "Babylon Berlin", ein luxuriöser Fernseh-Glücksfall.

Bananenröckchen-Gogos und Geschlechterverwirrung: Unterhaltungen der Weimarer Republik. - © Sky

Bananenröckchen-Gogos und Geschlechterverwirrung: Unterhaltungen der Weimarer Republik. © Sky

Es ist wahrscheinlich das erste pornografische Krippenspiel, das im deutschsprachigen Fernsehen zu sehen ist. Aber nicht lange, es wird nämlich von einer Razzia unsanft beendet. Das ist der Einsatz, der Gereon Raths Ermittlungen in "Babylon Berlin" in Gang bringt. Der Kölner ist bei der Berliner "Sitte" und er hat neben seiner Alltagsarbeit eine Mission, die so geheim ist, dass es seinen Kollegen Bruno Wolter ganz fertig macht, weil er nicht dahinter kommt. Der ist ein brummiger Berliner mit beiläufiger Brutalität - und seinerseits einem mysteriösen Nebenjob.

Es ist das Berlin des Jahres 1929. Ein Weltkrieg ist überstanden, die Wirtschaftskrise lässt noch auf sich warten. Kunst und Gesellschaft erleben eine aus heutiger Sicht verblüffende Freizügigkeit. Man erlebt wohl ein letztes Aufbäumen des Hedonismus, bevor die nächste Katastrophe eintritt. Genau in dieser Zeit setzt die Romanreihe des Krimiautors Volker Kutscher rund um Polizist Gereon Rath ein. Auf Sky startet nun am Freitag die darauf basierende Fernsehserie "Babylon Berlin".

Information

"Babylon Berlin", ab 13. Oktober auf Sky, jeweils freitags 20.15 Uhr und On demand auf Sky Go und Sky Ticket.

Im Herbst 2018 auf ARD im Free-TV.

Das Teuerste

Tom Tykwer, deutscher Regisseur mit Hollywood-Exkursen, verantwortet sie zusammen mit Achim von Borries und Henk Handloegten. Es ist mit einem Budget von 40 Millionen Euro das teuerste Serienprojekt, das jemals in Deutschland produziert wurde. Dementsprechend gespannt bis fast schon ängstlich waren die Erwartungen. Ein Flop wäre nicht nur eine wirtschaftliche Katastrophe, sondern auch schade um den vielversprechenden Stoff.

Da kann Entwarnung gegeben werden, denn "Babylon Berlin" ist eine außergewöhnlich gute Serie geworden, die den Vergleich mit US-Hochglanzproduktionen nicht scheuen muss. Im Gegenteil: Sie ist optisch so luxuriös und inhaltlich so vielschichtig, wie man es selten zu sehen bekommt. Es gibt ein paar Änderungen im Vergleich zu den Romanen, die aber für eine dynamische Dramaturgie schlüssig sind. Viele betreffen die Freundin von Gereon Rath, Charlotte Richter (Liv Lisa Fries), begehrte und kluge Assistentin in der Roten Burg, dem Berliner Polizei-Kommissariat.

Letzte Rettung Morphium

In der Serie lebt sie mit Eltern und Geschwistern in einer Einzimmerwohnung im Slum von Berlin, nachts verdingt sie sich als Domina-Hure im Keller eines Glamour-Clubs. Tagsüber ordnet sie Fotos von abgetrennten Körperteilen von Mordopfern. Bei ihrem ersten Zusammenstoß mit Rath fallen sowohl ihre Tatortfotos als auch seine Beute aus der Razzia auf den Boden und sie vermischen sich. Bei der Durchsicht seiner Porno-"Sammlung" sagt sie trocken: "Ich hoffe, sie arbeiten bei der Sitte." Bei ihrem zweiten Treffen schüttet sie dem schwer traumatisierten und übel süchtigen Rath Morphium in den Rachen.

Volker Bruch, bekannt aus der vieldiskutierten Weltkriegs-Miniserie "Unsere Väter, unsere Mütter", spielt Gereon Rath, eine getriebene Gestalt in einer so schillernden wie versumpften Stadt. Im Armen-Ghetto gibt es "Tote Oma ohne" zu essen, das ist übersetzt in etwa Blunzengröstl ohne Blunzn. Im Club Moka Efti hingegen zeigt sich der Luxus im in Eisblöcke gefrorenen Oktopus, der wiederum nur die kalte, aber schimmernde Kulisse zur alltäglichen Korruption ist. Im Keller wird Champagner-Prostitution betrieben, im Zinshaus in Kreuzberg gibt es bei "Mutti" die "Spezialität" in der Wohnküche, nachdem sie sich notdürftig untenrum mit irgendeinem Fetzen abgewischt hat. Solche Gegensatzpaare sind häufig in "Babylon Berlin", besonders eindrücklich in einer Szene, in der eine androgyne Chansonniere vor einem ekstatisch wogenden Publikum singt - während gleichzeitig parallel dazu die Polizei einen Aufmarsch der Sozialisten blutig und mit reichlich Kollateralschaden niederschießt.

Diese unangestrengte Nebenbei-Vermittlung von einer Zeit des radikalen politischen Umbruchs ist bereits ein Kennzeichen der Romane von Volker Kutscher. Der Serie gelingt es, dies nicht nur zu übernehmen, sondern auch eine packende, atmosphärisch beeindruckende Stimmung zu erschaffen, die einen nicht so schnell loslässt. Ganz so, wie es sich für ein Babylon gehört.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-10-11 16:30:10
Letzte ńnderung am 2017-10-11 16:38:35



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