Wien. Im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden findet derzeit die Ausstellung "Das Gesicht. Eine Spurensuche" statt, die den kulturellen und technologischen Dimensionen des menschlichen Gesichts auf den Grund geht. Die Schau ist eine Tour d’Horizon durch die kulturgeschichtlichen Facetten des Konterfeis. Es gibt Büsten, Porträts, Fotografien, Fahndungsfotos, Selbstbildnisse oder die digitalmoderne Form, das Selfie.

Das Gesicht ist die Visitenkarte der Persönlichkeit, das Fenster zur Seele - und der älteste Informationsträger des Menschen. Darin suchten schon unsere Urahnen nach der Wahrheit einer Person. Setzt das Gegenüber ein Pokerface auf, verbirgt es seine Gefühle hinter einer Maske? Oft ist das nicht klar. Im antiken griechischen Theater bedeutete persona die Maske, die die Rolle des Schauspielers typisierte. Gesichtsausdrücke gehören zum Privatesten. Doch in Zeiten von Überwachung und moderner Informationstechnologie ist das Gesicht so öffentlich wie nie.

Digitalmoderner Maskenball


An immer mehr Orten werden Gesichtserkennungssysteme installiert, die mit einem Abgleich biometrischer Daten Gefährder und Terroristen erkennen sollen. Airlines testen Authentifizierungssysteme, die das Gesicht zur Bordkarte machen wollen. Im chinesischen Fuzhou kommen Gesichtserkennungssysteme zum Einsatz, die Verkehrssünder an den Pranger stellen. Am Pekinger Himmelstempel müssen sich Toilettengänger per Gesichtsscan authentifizieren, nachdem es vermehrt zu WC-Papier-Diebstählen kam.

Im Überwachungskapitalismus wird das Gesicht zum Barcode. Behörden und Konzerne wollen darin lesen. Apple hat im iPhone 8 eine Gesichtserkennung präsentiert, mit der sich das Gerät entsperren lässt. Diese soll anhand von Gesichtsausdrücken dreidimensionale animierte Emojis kreieren, die die Mimik des Nutzers imitieren. Wenn der Anwender zwinkert oder die Lippen schürzt, tut ihm das der Avatar gleich. Wenn Apple über unsere Gefühle Bescheid weiß, kann es Psychogramme entwerfen - und im richtigen Moment Werbung ausspielen. Ist der Kunde glücklich, kauft er mehr.

Facebook ist gar eine Art digitalmoderner Maskenball. Ruft man die "Chronik" eines Freundes auf, kommt es vor, dass während der Ladezeit eines Fotos für einen kurzen Moment ein Satz erscheint. Etwa: "Bild zeigt 3 Personen, die lachen, im Freien." Diese Information gibt unfreiwillig Auskunft über die Gesichtserkennung.

Ein Blick ins Innerste des Maschinenraums. Jedes Foto, das wir in dem sozialen Netzwerk hochladen, wird von einer Maschine analysiert. Eine Software vermisst typische biometrische Merkmale im Gesicht, geometrische Abstände und erstellt aus den Bildwerten ein Binärmuster. Für Facebook sind menschliche Gesichter nur eine Aneinanderreihung von Pixeln.

Die Kulturjournalistin Daniele Muscionico verfasste in der "Weltwoche" einen fulminanten "Nachruf auf das Gesicht". Das Gesicht sei in den Massenmedien der "facialen" Gesellschaft inflationär geworden, durch digitale Überproduktion schablonenhaft verflacht. Auf Facebook werden täglich 350 Millionen Fotos hochgeladen. Die Frage ist, wem unser Gesicht gehört, wo in den Datenbanken mehr Fotos lagern als in jedem privaten Album. Facebook? Anzeigenkunden? Gibt es überhaupt noch eine Identität - oder hat sich das Gesicht in Datenpunkte aufgelöst?

Die Privatsphäre Fremder


Mit omnipräsenten Handykameras können wir gar nicht mehr verhindern, dass Fotos von unseren Gesichtern gemacht werden. Und wir haben die Kontrolle über unsere faciale Repräsentation längst aus der Hand gegeben.

Der russische Fotografie-Student Egor Tsvetkov hat in einem Experiment gezeigt, wie einfach es ist, wildfremde Menschen an öffentlichen Orten zu identifizieren. Im Rahmen eines Kunstprojekts machte er sechs Wochen lang Fotos von Fremden in der U-Bahn von Sankt Petersburg und ließ diese durch die Gesichtserkennungs-App FindFace laufen. Der Abgleich war in 70 Prozent erfolgreich.

Die Bildergalerie zeigt in einer Art Vorher-nachher-Effekt Fotos müder Menschen, die morgens mit tiefen Augenringen gedankenverloren in die U-Bahn blicken oder grimmig auf ihr Handy starren, sowie das korrespondierende Profilbild in dem sozialen Netzwerk VKontakte, wo sie meist fröhlich dreinblicken. Vermeintlich brave Leute entpuppen sich als Feierbiester oder geschmacklose Tierquäler. "Die Leute haben überhaupt nicht reagiert, obwohl ich sie offensichtlich fotografiert habe", so Tsvetkov zur Zeitung "Russia Beyond the Headlines". Das Experiment "Your Face is Big Data" ist ein verstörend tiefer Einblick in die Privatsphäre Fremder.

Die dokumentierten Fotos erodieren den letzten Rest Intimität; man fühlt sich den unfreiwilligen Protagonisten befremdend nahe - als werde der Betrachter dabei selbst zum Voyeur. In seinem Buch "Faces. Geschichte des Gesichts" stellt der Kunsthistoriker Hans Belting die These auf, dass das Gesicht grundsätzlich undarstellbar sei. Es ist flüchtig, überformt von Konventionen, es altert, verändert sich. Das Gesicht wird "erst zum Gesicht, wenn es mit anderen in Kontakt tritt, sie anschaut oder von ihnen angeschaut wird", es sei mehr Bühne als Gesicht, weil "Mimik, Blick und Stimme wechselweise die Führung übernehmen".