Das Schreckgespenst vom Tod der Printmedien ist mindestens so alt wie das älteste 56k-Modem aus den 1990er Jahren. Damals, mit dem Aufkommen des Internets, war den Propheten unter den Medienwissenschaftern klar: Kommt Internet, stirbt Print.

Wie eine selbsterfüllende Prophezeiung hält dieses Mantra nun seit gut zwei Jahrzehnten die Medienwelt und ihre Mitarbeiter in Schach. Tausende Print-Titel wurden aus Angst vor dem Internet kaputtgespart, weitere tausende scheiterten daran, ihre Inhalte zu monetarisieren, und wieder tausende dachten, Print und Online stünden in einem erbitterten Wettbewerb zueinander.

Das Riepl’sche Gesetz


Doch falsch. Das Allererste, was Studenten der Publizistik und Kommunikationswissenschaft im Wiener Audimax zu hören kriegen, ist das Riepl’sche Gesetz. Es ist eigentlich eine Hypothese, die besagt, dass kein etabliertes Medium bisher von einem neuen abgelöst, verdrängt oder ersetzt wurde. Punkt. Gesagt hat dies der gescheite Herr Riepl, dereinst Chefredakteur bei der "Nürnberger Zeitung", bereits im Jahr 1913 - als es, sagen wir, noch gar nicht so viele unterschiedliche Medienformen gegeben hat.

Angewandt auf eine moderne Medienlandschaft behielt Riepl bis dato recht: Weder konnte das Radio die Zeitung töten, noch konnte das Fernsehen dem Kino den Garaus machen. Wie ist das dann also mit den Printmedien, die da scheinbar so radikal in die Krise geraten sind?

Es stimmt, dass das Internet den Vorteil hat, Wegwerfinformationen mit gewaltiger Geschwindigkeit unters Volk zu bringen. Zwangsläufig können die klassischen Print-Titel dem zeitlich nur hinterherhinken. Zugleich aber eröffnet dieser Umstand für Print auch völlig neue Chancen. Nämlich ganz simpel dann, wenn der Leser mit den Unterschieden von Print und Online konfrontiert ist: Wer online liest, der muss zunächst nach einem spezifischen Stichwort suchen, sich also bereits für ein Thema interessieren. Radikale Formen davon sind die Social-Media-Algorithmen, in denen der User nur mehr das vorgesetzt bekommt, was ihn vermeintlich interessiert, und er dann daraus schließt, es gäbe nur diese, seine eigne Meinung auf der ganzen Welt.

Bei Print-Titeln hingegen bietet jedes Umblättern eine neue Überraschung, einen Text oder eine Bildgeschichte, die man davor noch nicht erahnt hätte. Internet gegen Print, das ist ein bisschen wie Nachschlagen gegen Inspirieren lassen. Für beides gibt es einen eigenen Markt.

Gerade am Print-Sektor passiert derzeit so viel wie schon lange nicht. Bei Stack Magazines, einem US-amerikanischen Service, das seinen Abonnenten jeden Monat ein anderes Independent-Magazin zuschickt (auf Überraschungsbasis), boomt das Geschäft: "Wir können derzeit gar nicht nachkommen mit all den interessanten Titeln, die wie Pilze aus dem Boden sprießen", sagt Gründer Steve Watson in einem Interview. "All die neuen Titel zeigen ein unglaubliches Maß an Innovation im Print-Bereich."