• vom 09.01.2018, 12:38 Uhr

Medien

Update: 09.01.2018, 14:48 Uhr

Interview

"Wir sind ein dummes, gewalttätiges Land"




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Von Klaus Stimeder

  • US-Starautor Matt Taibbi über Trump, die Grenzen der Redefreiheit und den Vorwurf, ein Frauenfeind zu sein.

Donald Trump am Weg zum Golfen.

Donald Trump am Weg zum Golfen.© APAweb/AP, Lovett Donald Trump am Weg zum Golfen.© APAweb/AP, Lovett

Los Angeles/New York – In den USA gilt er als der Hunter S. Thompson seiner Generation, und das nicht nur, weil er für das gleiche Medium arbeitet wie der 2005 verstorbene Erfinder des sogenannten "Gonzo"-Journalismus. Matt Taibbi, 47, schreibt für den "Rolling Stone" über Politik, Medien, die Finanzwirtschaft und Sport. Die Titel seiner Bücher, fast alle davon Bestseller, lesen sich entsprechend: "Insane Clown President: Dispatches from the 2016 Circus"; "The Divide: American Injustice in the Age of the Wealth Gap" (2014); "Griftopia: Bubble Machines, Vampire Squids, and the Long Con That Is Breaking America" (2010, alle Spiegel&Grau). Sein jüngstes Werk, "I Can't Breathe: A Killing on Bay Street" wurde von der "Washington Post" zu einem der "Zehn besten Bücher des Jahres" gekürt.

Darin setzt sich Taibbi mit den Begleitumständen des Todes des 43-jährigen Eric Garner auseinander. Der Afroamerikaner wurde 2014 in Staten Island, New York, von einem Polizisten derart in den Schwitzkasten genommen, dass er starb. Das Vergehen des sechsfachen Familienvaters: Er hatte illegal einzelne Zigaretten verkauft. Seine letzten Worte ("Ich krieg keine Luft!") wurden von der damals aufkommenden "Black Lives Matter"-Bewegung aufgegriffen und popularisiert.

Vor seinem Job als "Rolling Stone"-Reporter lebte und arbeitete Taibbi zehn Jahre in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, wo er unter anderem für "Playboy" und "The Nation" schrieb. In Moskau führte er gemeinsam mit Mark Ames das Krawallblatt "The eXile", das sich neben ernsthaften Reportagen und Essays im Stil von "Charlie Hebdo" satirisch mit den (bisweilen extrem unappetitlichen) Eskapaden von Amerikanern und Westeuropäern im Russland der Neunzigerjahre auseinander setzte.

Matt Taibbis "Kleptopia: Wie uns Finanzindustrie, Politik und Banken für dumm verkaufen" ist 2012 auf Deutsch als E-Book bei  Random House erschienen.

Matt Taibbis "Kleptopia: Wie uns Finanzindustrie, Politik und Banken für dumm verkaufen" ist 2012 auf Deutsch als E-Book bei  Random House erschienen.

© @ Michael Pirrocco Matt Taibbis "Kleptopia: Wie uns Finanzindustrie, Politik und Banken für dumm verkaufen" ist 2012 auf Deutsch als E-Book bei  Random House erschienen.

© @ Michael Pirrocco

Obwohl Taibbi im Laufe seiner Karriere nie der sexuellen Belästigung beschuldigt wurde, geriet er jetzt in die Kritik, nachdem zuerst Anhänger der neonazistischen "Alt Right"-Bewegung aus dem Zusammenhang gerissene Zitate aus einer alten "eXile"-Geschichte auf Social Media in Umlauf gebracht hatten. Dem folgte ein in der "Washington Post" veröffentlichter Kommentar der Ex-"Baltimore Sun"-Moskau-Korrespondentin Kathy Lally, in dem diese Taibbi vorwarf, sie in den Neunzigern "terrorisiert" und sich dabei "übelster frauenfeindlicher Stereotype" bedient zu haben.

Taibbi wuchs als einziger Sohn des Fernsehjournalisten Mike Taibbi und seiner ersten Frau Veronica Whelan in einem Vorort von Boston, Massachusetts auf. Er lebt mit seiner Frau Jeanne und drei Söhnen in New Jersey.

"Wiener Zeitung": Mister Taibbi, die Journalistin Kathy Lally hat Sie in der "Washington Post" beschuldigt, sie in den Neunzigerjahren "terrorisiert" zu haben. Bereuen Sie, was Sie damals geschrieben haben?

Matt Taibbi: Definitiv. Was ich konkret bereue, ist die unnötig grausame Sprache, mit der ich Lally beschrieben habe. Ich habe sie "matronenhaft" genannt, ihre Knöchel "fett" und dergleichen – Dinge, die ich heute nicht mehr tun würde. Ich war jung und selbstgerecht und habe aufgrund von mehreren Geschichten, die damals gleichzeitig passiert sind – Lallys Verharmlosung der sozialen Situation in Russland, ihre unkritischen Berichte über Oligarchen, ihre Versuche, "The eXile" zu diskreditieren – weit über das hinausgeschlagen, was akzeptabel ist.

Aber Sprache ist nicht gleich Gewalt, und dumme Streiche sind noch lange kein "Terror". Der Gedanke, dass Sprache Gewalt sein kann, ist in den USA ein relativ neuer. Was ihn nicht weniger gefährlich macht. Heute kann jemand sagen: "Ich fühle mich durch deine Sprache terrorisiert, deshalb sollte sie zensiert werden", und viele würden ihm Recht geben. Bis vor kurzem wurde hierzulande das Gegenteil gepredigt: dass die Freiheit des Ausdrucks absolut geschützt werden muss. Die Implikationen dieses Paradigmenwechsels sind enorm weitreichend.

Am 20. Jänner ist es genau ein Jahr her, dass Donald Trump als Präsident angelobt wurde. Welches politische Ereignis ist Ihrer Meinung nach das signifikanteste im ersten Jahr seiner Amtszeit?

Ich würde sagen der Raketenangriff auf Syrien Anfang April, wegen der Lehren, die Trump daraus gezogen hat. Wir sprechen hier von einem Mann, der von der Berichterstattung über sich besessen, der süchtig nach Aufmerksamkeit ist. Bis zu diesem Moment – als ihn CNN adelte, weil er angeblich "in dieser Nacht zum Präsidenten wurde" – hatte er kein einziges Mal eine gute Presse. Wir haben also diesen cholerischen, selbsteingenommenen Wahnsinnigen, der von morgens bis abends vor dem Fernseher sitzt und der lernt, dass das einzige, was ihm eine gute Nachrede einbringt, ein Militärschlag ist. Dementsprechend fürchte ich, dass wir die Konsequenzen daraus irgendwann zu spüren bekommen werden.

Sie kennen Russland gut. Was ist von den andauernden Versuchen des Kreml zu halten, Einfluss auf die US-Innenpolitik zu nehmen?

Lassen Sie mich Ihnen einen alten Witz aus der Sowjetunion erzählen: Gorbatschow wacht zuhause mit einem Kater auf. Er ist spät dran und sprintet zu seiner Limousine. Weil sein Fahrer ebenfalls besoffen ist und noch schläft, wirft er ihn auf den Rücksitz, setzt sich selbst hinters Lenkrad und fährt Richtung Kreml. Nachdem er viel zu schnell dran ist, hält ihn ein Polizeiwagen auf. Einer der Polizisten steigt aus, redet mit Gorbatschow, und belässt es dann mit einer Verwarnung. Als der Polizist zu seinem im Auto sitzenden Partner zurückkehrt, fragt ihn der: "Wer war das?" "Ich weiß es nicht", antwortet der Polizist: "Aber es muss jemand wichtiger sein. Gorbatschow war sein Fahrer." Ich erzähle diesen Witz, weil er eine grundsätzliche Wahrheit über Russland illustriert: dass dort nie etwas so ist, wie es scheint. Das heutige Russland gleicht viel mehr einem schlecht organisierten Mafia-Staat als einer monolithischen Diktatur. Deshalb bin ich skeptisch, was bestimmte Narrative angeht, die von den Medien gepusht werden. Die Wahrheit ist, dass wir zum jetzigen Zeitpunkt wenig bis nichts über eine mögliche Zusammenarbeit zwischen Trump und Putins Leuten wissen.

Seit sich bei der Senatswahl im konservativen Alabama ein Demokrat durchsetzen konnte, sagen die Meinungsforscher einen Erdrutschsieg der Liberalen bei den Midterms voraus. Teilen Sie diese Einschätzung?

Als jemand, der gern auf den Ausgang von Football-Spielen wettet, würde ich mein Geld darauf setzen, dass die Demokraten die Mehrheit im Repräsentantenhaus, aber nicht die im Senat gewinnen. Wenn das passiert und bei Robert Muellers Untersuchung etwas herauskommt, das eine Amtsenthebung Trumps rechtfertigt, wird das Repräsentantenhaus diese beschließen, aber der Senat sich querlegen. Das wird dann den Grundstein für die Strategie der Demokraten bilden, 2020 das Weiße Haus zurück zu gewinnen. Was nicht leicht werden wird, weil sie gespalten sind.

Wie stellt sich diese Spaltung dar?

Jedes Mal, wenn ich ich Europa besuche, bin ich erstaunt, dass dort ganz normale Leute Zugang zu allen möglichen, grundvernünftigen Sozialprogrammen haben: Gratis- oder billige Kindergärten und -tagesstätten, leistbare Hochschulgebühren, Rehabilitationsprogramme für straffällig Gewordene, eine flächendeckende und leistbare Gesundheitsversorgung, kürzere Arbeitszeiten, garantierte Urlaubszeiten, die Möglichkeit, in Karenz zu gehen, und so weiter und so fort. In den USA gibt es nichts von all dem – und politisch ist deshalb der Kampf zwischen denen, die diese Dinge auch wollen und denen, die sich nur darauf konzentrieren wollen, die Republikaner zu besiegen, einer, der zunehmend härter geführt wird.

Während sich die USA unter Trump – und einer republikanischen Partei, die zunehmend auf Isolationismus setzt –, nicht mehr für den Rest der Welt zu interessieren scheinen, fragt sich der, was die langfristigen Auswirkungen dieser Politik sind. Hat Amerika als Führerin der freien Welt ausgedient?

Die USA werden allein deshalb nie zu einem wirklich isolationistischen Land werden, weil sie das gar nicht können: Durch unsere überwältigende militärische und wirtschaftliche Macht werden wir immer im Zentrum des Geschehens stehen. Ob das gut ist, ist eine andere Frage. Wir sind ein außergewöhnlich dummes und gewalttätiges Land, wie wir zuletzt wieder einmal an der Wahlurne bewiesen haben. Der durchschnittliche Amerikaner kann kaum seinen eigenen Namen schreiben. Gleichzeitig institutionalisieren wir Dinge wie das Drohnen-Attentats-Programm, das bald dafür sorgen wird, dass jemand, der Dinge sagt wie: "Yo, dieser Cheeseburger schlägt ein wie eine Bombe", von einer Rakete aus dem Weltall eingeäschert wird. Mir persönlich würde es viel besser gehen, wenn die Kanadier oder die Dänen Weltmächte mit hegemonischem Anspruch wären.





Schlagwörter

Interview, Matt Taibbi, USA

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-12-31 08:59:34
Letzte Änderung am 2018-01-09 14:48:55


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