Sie bezeichnen sich selbst als Digitaloptimistin. Sehen Sie auch Negativtrends?

Ja, beim Thema Bildung. Da wird darauf gewartet, dass da von oben etwas passiert. Aber wenn es um digitale Bildung geht, kann man nicht warten. Man müsste mit kleinen Gruppen in Schulen oder Kindertagesstätten anfangen, die von Eltern initiiert werden. Die sollten sich darum kümmern, dass es einen Ansprechpartner für IT gibt oder dass Pädagogen so geschult werden, dass sie Smartphones nicht mehr als etwas Böses ansehen, sondern als Mini-Computer, die Schüler im Unterricht einsetzen könnten.

Ist Digital Divide auch so ein Negativtrend, den Sie sehen?

Auf jeden Fall. Die meisten Schulen auf dem Land irgendwo in Brandenburg haben gar keinen Internetanschluss. Das kann in der heutigen Zeit gar nicht mehr sein. Da sind wir auch ganz schnell beim Thema Medienkompetenz. Die müssen wir bei unseren Kindern anfangen zu schulen. Sonst gehen diese Wissensschere oder die Ängste und die Leichtsinnigkeit auf der anderen Seite komplett weiter auseinander. Damit meine ich nicht, dass jedes Kind programmieren können muss, aber es muss zumindest wissen, was mit den Daten passiert, die es irgendwo eingibt.

Die Politik behandelt Digitalisierung noch immer stiefmütterlich. Ist das Thema so unsexy?

Im Gegenteil. Das Thema ist megasexy. Im Wahlkampf haben aber die Themen Flucht und Zuwanderung überwogen, was ich als Fehler ansehe. Digitalisierung geht ja immer weiter und wartet nicht auf irgendwas. Die Entwicklung, das Ausprobieren von Unternehmen, das wird uns alles überrollen, und die ganze Gesetzeslage wird nicht hinterherkommen, die Politik sowieso nicht. Das geht alles rasant schnell, wie wir es in den letzten Jahren und Jahrzehnten auch gesehen haben.

Zur Person

Fränzi Kühne

hat ihr Jusstudium abgebrochen und 2008 mit Christoph Bornschein und Boontham Temaismithi die Digitalagentur TLGG gegründet. Heute beraten sie unter anderem Kunden wie Lufthansa oder Deutsche Bahn. Seit Juni sitzt sie im Aufsichtsrat der freenet AG, ein börsennotiertes Telekommunikations-Unternehmen. Sie hat eine Tochter und lebt in Berlin.