Es hat einen besonderen Reiz, wenn in einer Folge der Serie "Electric Dreams" ein Haufen Versandpakete vor sich hin verrottet - die Aufschrift kommt einem auf den ersten Blick bekannt vor. Auf den zweiten sieht man, dass da doch nicht "Amazon" steht, sondern "Autofac". Und wenn man dann weiß, dass diese Fabrik namens Autofac eine durchaus furchteinflößende Rolle in dieser Zukunftsvision spielt, dann kann man Amazon schon ein gerüttelt Maß an Selbstironie attestieren. Denn "Electric Dreams" ist exklusiv auf dem Streamingportal des Versandgiganten zu sehen.

Das ist nur konsequente Autortreue, denn wie schon Amazons eigene Serie "The Man in the High Castle" basiert auch "Electric Dreams" auf Texten von Philip K. Dick. Dieser Science-Fiction-Schriftsteller erweist sich seit Jahrzehnten als Fundgrube für Filmschaffende. "Blade Runner" ist inspiriert von "Do Androids Dream of Electric Sheep", weitere Filme nach seinen Büchern sind: "Total Recall", "Minority Report", "A Scanner Darkly", "Paycheck - Die Abrechnung" - und das sind nur die bekanntesten.

Urlaub als ein anderer


In zehn Folgen arbeitet sich die neue TV-Serie nun an Kurzgeschichten von Dick ab. Und greift da die Leib- und Magenthemen des US-Autors auf: Schon in Folge eins, "Real Life", geht es um die Verwirrung zwischen verschiedenen Realitäten. Eine junge Frau verschafft sich nach einem traumatischen Erlebnis mithilfe eines Implantats Urlaub in einer virtuellen Realität. Dort erwacht sie als Mann, der ebenfalls eine erschütternde Episode verschmerzen muss und sich zur Ablenkung mittels VR-Brille ebenfalls in eine künstliche Welt verfügt: und dort wiederum die junge Frau ist. Kühl, aber nicht unnahbar, geschmeidig, aber nicht leichtfertig spielt der TV-Film mit dieser Gedankenkonstruktion und den Hirnen seiner Zuseher - ganz im Sinne von Philip K. Dick, der nie für Krachbumm stand, sondern immer für intellektuelle Vorstellungsexperimente mit Unterhaltungswert, auch wenn seine Erzählungen in Pulp-Heften wie "Startling Stories" erschienen.

Jede Folge von "Electric Dreams" beruht in sich geschlossen auf einer anderen Short Story. Das einzig Verbindende der Serie ist die Gedankenwelt von Dick. In dieser seltsam vertrauten Umgebung fühlt man sich zwar nicht dezidiert wohl, aber auch nicht ganz unwillkommen. Schon in Folge zwei, jener mit den eingangs erwähnten Versandpaketen, begegnet man etwa einer Variation der Identitätskrisen zwischen Mensch und Replikant, die schon aus "Blade Runner" bekannt ist.

Manche bezeichnen "Electric Dreams" als Amazons Gegenstück zur Netflix-Serie "Black Mirror", einer knallhart dystopischen, ähnlich einzelteilig angelegten Reihe, die vierte Staffel ging kürzlich online. Der Vergleich greift zu kurz, die Dick-Adaption ist weniger verstörend als versöhnlich und jedenfalls sehenswert. Hochwertige Literaturverfilmungen im Zeitgeist - kulturelle Aufgaben, die das öffentlich-rechtliche Fernsehen leider schon länger leichtsinnig einem vielgeschmähten Megaunternehmen überlässt.