• vom 28.02.2018, 16:04 Uhr

Medien

Update: 14.03.2018, 16:59 Uhr

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"Man kann jemandem auch freundlich sagen, dass er blöd ist"




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Von Susanne Veil

  • Lotte Tobisch erteilte Ratschläge zum guten Benehmen und zum zufriedenen Altsein beim "Wiener Zeitung"-Talk im Belvedere.


© Michael Fritthum © Michael Fritthum

Bereits die Frage, wie es ihr geht, weiß Lotte Tobisch unterhaltsam zu beantworten: "Wenn ich auf meinen Geburtsschein schaue, muss ich sagen: blendend. Wäre ich 20 Jahre jünger, würde ich sagen: beschissen", so die 92-Jährige am Dienstagabend im Talk im Belvedere. Ob sie sich im Alter mehr erlauben könne, fragt Christina Böck von der "Wiener Zeitung" die Schauspielerin, Schriftstellerin und Ex-Opernball-Organisatorin. Dieses "totale Korrekt-sein bis zum Erbrechen" habe Tobisch noch nie vertreten. Dementsprechend offen geht sie auch mit der Debatte um sexuelle Belästigung ins Gericht: Sie habe sich "selbstverwirklicht, bis es gekracht hat". In den 50ern bedeutete dies, dass man aus der Gesellschaft ausgeschlossen wurde. Dieselbe Stärke fordert sie nun von den Protagonistinnen der "MeToo"-Debatte: "Ich war schon emanzipiert, da waren die noch nicht einmal konzipiert." Mit dem erhobenen Zeigefinger die Gesellschaft erziehen zu wollen, sagt Tobisch nicht zu. Sie selbst sei einmal sehr schön gewesen: "Mir sind die Männer nachgerannt und ich bin noch jeden losgeworden." Also warum nicht gegen einen Mann mit solchen "Libidoproblemen" wie Harvey Weinstein aufstehen? "Diese Art von Feigheit ist mir rätselhaft", und das Publikum war hörbar ihrer Meinung. Leidenschaftlich vertritt sie in der Kunst und in der Wissenschaft eine Trennung von Werk und Mensch: Ein großes Kunstwerk habe nicht zwangsläufig einen tadellosen Charakter zur Grundlage: "Die Welt ist nicht schwarz oder weiß, sondern beides."

Grundsätzlich fordert Tobisch mehr Benehmen und "ein Verständnis dafür, dass man nicht anders ist als die anderen". Sie selbst sei puritanisch erzogen, ausgebrochen und habe dann begriffen, dass ein gewisses Maß an Konvention nötig sei: "Man kann jemandem ja auch sehr freundlich sagen, dass er blöd ist." Ob sie denn heute noch einmal jung sein wolle? Die digitale Welt interessiere sie sehr. Die Veränderung in der heutigen "Geschwindigkeitswelt" vergleicht sie mit dem Gefühl, das die Menschen zur Zeit der Erfindung der Dampfmaschine gehabt haben müssten. Aber jung möchte sie nicht mehr sein. Dafür ist Tobisch zu pragmatisch. Anstatt zu bedauern, versuche sie, mit den Gebrechlichkeiten des Alters fertig zu werden. Sie sei dankbar, in diesem "seltsamen kleinen Land" leben zu dürfen: "Wir sind ein Wirtschaftswunderland." Was für ein unerhörtes Glück. "Dass Deutschland ein Wirtschaftswunder hat, ist ja nicht verwunderlich, die arbeiten sich ja zu Tode."


Politik zum Weinen
Tobisch würde heute beim Volksbegehren für das Rauchverbot stimmen: "Ich habe jahrelang bis zu drei Packerln am Tag geraucht, jetzt zahle ich den Preis dafür. Sie werden wenige finden, die mit so wenig Luft so viel reden können." An sich sei sie gegen Verbote, aber dies sei ein spezieller Fall. Tobisch vermutet dahinter aber ein Ablenkungsmanöver. Die Frage, ob sie Politik nun gelassener sehe, erübrigt sich: Keineswegs! Die politische Situation sei zum Weinen. Amüsiert zeigt sich Tobisch von zwei Frauen in der Politik: Johanna Mikl-Leitner - "die ist ein Original" - und Angela Merkel. "Wie die immer wieder alles zurechtbiegt, ist fabelhaft" - sie bewundere Menschen, die Politik als Schachspiel begreifen.

Zurück zum Alter führt die Frage, was sie davon halte, dass nun häufiger Sexualität im Alter thematisiert werde. Dazu seufzt Tobisch nur schwer: "Ich habe in meinem Leben eigentlich nie etwas anderes gekonnt, als lieben. Für mich war Sexualität nie ein Gesellschaftsspiel." Apropos Gesellschaftsspiel: der Opernball. Eigentlich habe sie das ja nie interessiert. Dennoch habe sie den Ball 15 Jahre lang sehr gern ausgerichtet. Man müsse alles ernsthaft machen, aber nicht ernst nehmen. "Die paar Dinge im Leben, die man ernst nehmen muss, sind Beziehungen zu Menschen. Alles andere - ach komm!"

Die Ausstellung "Die Kraft des Alters" ist noch bis Sonntag im Unteren Belvedere zu sehen.




Schlagwörter

talk, Lotte Tobisch, Alter, MeToo

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-02-28 16:08:35
Letzte Änderung am 2018-03-14 16:59:46


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