• vom 08.03.2018, 09:30 Uhr

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Update: 08.03.2018, 12:23 Uhr

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Superheldin, leicht beschädigt




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Von Bernhard Baumgartner

  • Jessica Jones ist die interessanteste Figur des Marvel-Kosmos. Nun kickt sie sich in die zweite Staffel.

Krysten Ritter als Jessica Jones.

Krysten Ritter als Jessica Jones.© Netflix Krysten Ritter als Jessica Jones.© Netflix

Wien. Ihr Büro in dem schäbigen New Yorker Haus weit jenseits des Verfallsdatums lässt keine Fragen offen: Hier agiert jemand, der sich gar nicht lange mit Äußerlichkeiten aufhält. Unaufgeräumt, die Beschädigungen vom letzten Kampf nur notdürftig geflickt und sich mit einer gewissen Widerwart gegen die Ansprüche ihrer Klientinnen stemmend, thront hier die wohl bemerkenswerteste Figur des Marvel-Kosmos: Jessica Jones. Die Frau mit den Superkräften, die sie eigentlich gar nicht will. Denn sie sind das Resultat von Missbrauch, Verbiegung und Trauma. Ein Leben, das Jessica eigentlich hinter sich lassen will. Weil sie weiß, wie gefährlich diese Kräfte sind, wenn sie in die falschen Hände geraten.

Daher will sich die Superheldin von diesem Vorleben lossagen. Als Detektivin will sie eigentlich lieber untreue Ehepartnerinnen auffliegen lassen. Nur nichts zu Aufregendes! Und doch scheint sie ihre Klientel gerade wegen ihre Kraft, Geschwindigkeit und der Fähigkeit, fluggleiche Sprünge zu machen - zu lieben.

Gebrochene, starke Frau

In der ersten Staffel kämpfte die von Krysten Ritter grandios verkörperte gebrochene Frau gegen ihren Peiniger Kilgrave. Der ebenso mit Superkräften ausgestattete Bösewicht hat die Fähigkeit, anderen seinen Willen aufzuzwingen. So wurde Jessica zu seinem Tötungswerkzeug. Ein massives Missbrauchstrauma, das sie auch zu Beginn der zweiten Staffel (ab Donnerstag auf Netflix) noch nicht verwunden hat und das sie in die Alkoholsucht getrieben hat.

Denn Jessica Jones ist eigentlich ganz schön kaputt. Genau diese Bipolarität ist es, die Krysten Ritter an der Figur fasziniert hat: "Jessica ist alles. Sie ist männlich und weiblich. Sie ist stark und verletzlich. Sie ist wütend und weinerlich. Hart außen und weich innen. Ich glaube, deswegen finden die Leute die Figur so erfrischend." Und trotz aller Zwischentöne kann Jessica sich den Weg freitreten, wenn sie möchte, wie man am Ende der sehr erfolgreichen ersten Staffel gesehen hat, als sie ihren ehemaligen Peiniger Kilgrave zur (ewigen?) Ruhe bettete.

In der zweiten Staffel mit 13 neuen Episoden, die nicht aus Zufall am Internationalen Frauentag online geht, muss sich Jessica mit den Tiefen ihrer seelischen Verletzungen auseinandersetzen. Sie muss sich der Frage stellen, wie es zu ihren Superkräften kam und wie sie den Mord an Kilgrave für sich verarbeitet. Sicher, sie hat die Welt von einem gefährlichen Monster befreit - aber Kilgrave war auch ein Mensch und Mord ist Mord. Und eine Mörderin, das wollte sie nie werden.

Dieser dunkle Sieg setzt das grundlegende Narrativ, in dem sich Jessica neuen Herausforderungen stellen muss. Ritter beschriebt das als "Schälen einer Zwiebel". Schicht um Schicht dringen wir tiefer in die Figur vor und bewegen uns zu ihren innerste Gefühlen, Ängsten und Bedürfnissen. Sie versucht alles, um ein guter Mensch zu sein, und doch werfen sie ihre Posttraumatische Belastungsstörung und ihre unkontrollierbaren Gewaltausbrüche immer wieder zurück.

Für Showrunnerin Melissa Rosenberg ("Dexter") ist die Geschichte, aber auch die Produktionsgeschichte von Jessica Jones auch eine des Empowerments. Sie entschied sich dafür, alle 13 Episoden der zweiten Staffel bewusst an Regisseurinnen zu vergeben. "Wir hatten viele weibliche Abteilungsleiterinnen, Regisseurinnen und Autorinnen - es war bei uns völlig normal, dass eine Frau am Ende des Tisches Platz nahm", sagt Rosenberg. Man habe im Team viel darüber diskutiert wie sehr man es schätzen würde, wenn man nicht extra betonen müsste, dass die Staffel von Frauen gemacht wurde - sondern schlicht und einfach von talentierten Menschen. Man habe viele junge, talentierte Regisseurinnen gefunden. "Das Faktum, dass sie alle Frauen waren, ist großartig. Aber das Talent stand für uns bei der Auswahl im Vordergrund."

Weibliche Themen im Comic

Und die Themen, die in der Show verhandelt werden sind tatsächlich vielen Frauen wohlbekannt: berufliche Ambitionen, Eifersucht, Machtmissbrauch, Kontrolle und Sucht. Schwierige Themen, die für eine Serie, besonders wenn sie sich an ein Comic-affines Publikum wendet, nicht immer besonders attraktiv sind. "Und doch haben wir es geschafft, eine tiefe Einsicht darin zu geben, was Frau-Sein in der Welt bedeuten kann", resümiert Rosenberg.

So gesehen bürstet Jessica Jones ihr Publikum ganz schön gegen den Strich. Und wird doch mit all ihren Schwächen und Unzulänglichkeiten geliebt. Dabei macht sie sich nicht einmal die Mühe, besonders liebenswürdig zu erscheinen, wenn sie Menschen für gefühllosen Sex benützt und genau weiß, dass sie zu keiner Beziehung in der Lage ist - das zeigt etwa das angespannte Verhältnis zu ihrer erfolgreichen, stets adretten Schwester, dargestellt von Rachael Taylor, die in der zweiten Staffeln eine größere Rolle spielen wird. Marvel, einmal ganz anders.





Schlagwörter

Medien, Fernsehen, Digital, Netflix

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Dokument erstellt am 2018-03-07 16:26:44
Letzte Änderung am 2018-03-08 12:23:31


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