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Update: 26.03.2018, 13:50 Uhr

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Wenn die Laterne mithört




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Von Adrian Lobe

  • US-Städte überwachen ihre Bürger mit immer perfideren digitalen Methoden.

Hell und hellhörig? - © Getty Images

Hell und hellhörig? © Getty Images

Chicago. Dass Bürger im öffentlichen Raum überwacht werden, ist keine neue Erkenntnis. Überwachungskameras in Parkhäusern oder Bahnhofshallen zeichnen Besucher auf. Automatische Kennzeichenerkennung erfasst Autofahrer. Und Fußgänger überwachen sich mit Ortungsdiensten und GPS, die einmal eine Militärtechnologie waren, selbst. Doch werden Bürger auch an solchen Orten überwacht, an denen man es nicht vermuten würde.

In immer mehr US-Städten werden akustische Überwachungssysteme, sogenannte ShotSpotter, installiert, die Schüsse lokalisieren und automatisch die Polizei alarmieren. Das System funktioniert so: Wenn irgendwo ein Schuss fällt, zeichnen Sensoren das Geräusch auf. Mittels Triangulation, einem Verfahren, bei dem die Laufzeit und Position der Schallquelle berechnet werden, wird der Schall geortet. Diese Information wird dann an ein Kontrollzentrum weitergeleitet. In Milwaukee sitzen etwa Spezialisten, die anhand bestimmter Muster Audiodateien aus dem über 3500 Kilometer entfernten Newark in Kalifornien auswerten. Laut "Time" haben die Analysten der Firma ShotSpotter im Jahr 2016 über 80.000 Schüsse registriert. In Städten wie Chicago, wo im Durchschnitt fast zwei Menschen am Tag erschossen werden, mögen Schussdetektoren ein legitimes Mittel der Kriminalitätsbekämpfung sein. Datenschützer sind allerdings besorgt, was die Mikrofone sonst noch hören.


Die Bürgerrechtsorganisation American Civil Liberties Union (ACLU) behauptet, dass die Mikrofone heimlich Menschen belauschen. Wenn die Mikros aus der Ferne aktiviert werden und sich in Konversationen einklinken könnten, wären sie ein Instrument der Massenüberwachung, kritisieren die Datenschützer. Die Herstellerfirma hält dagegen, dass die akustischen Sensoren auf Häuserdächern platziert würden und so konfiguriert seien, dass sie nur auf besonders laute Geräusche reagierten. Beide Darstellungen klingen plausibel. Doch wenn man bedenkt, dass Spiele-Apps heimlich Smartphone-Mikrofone aktivieren, erscheinen die Herstellerangaben nicht allzu glaubwürdig.

Was wird aufgezeichnet?
Laut "New York Times" sollen die Schussdetektoren in der Stadt New Bedford im US-Bundesstaat Massachusetts einen lauten Streit auf der Straße aufgezeichnet haben, was über den Zweck der Hardware weit hinausgeht. Die Technik hat sich seitdem weiterentwickelt. Algorithmen könnten aus Audiodateien bestimmte Signalwörter filtern. US-Geheimdienste tüfteln bereits an solchen Filtertechniken. So hat die NSA ein Tool entwickelt, das Sprachaufnahmen automatisch in Text übersetzt und katalogisiert - "Google für die Stimme".

Nicht nur auf Häuserdächern, auch in Straßenlaternen ist die Überwachungstechnologie versteckt. Vom Stadtmarketing werden diese Laternen als besonders umweltfreundlich gepriesen. Big Brother kommt im Gewand der Öko-Lampe daher. In San Diego, der zweitgrößten kalifornischen Stadt, wird das bisherige Netz aus 50 Laternen bis Mai auf über 2500 aufgerüstet. Die unscheinbaren Beleuchtungssysteme sind Hochleistungsrechner, ausgestattet mit Prozessor, Bluetooth und Wifi, hochauflösenden Kameras, ensoren, einer integrierten Wetterstation sowie einem halben Terabyte Speicher, um die Daten zu verarbeiten. Die Laterne scheint nicht nur, sie spioniert auch.

Die smarten Lampen, die von einer Tochterfirma von General Electric betrieben werden, sollen zunächst einen Radius von 36 bis 54 Metern vermessen. Das Beleuchtungssystem soll dazu dienen, Autofahrern freie Parkplätze zuzuweisen und Falschparker zu melden. Anhand der Sensorendaten soll der Verkehrsfluss optimiert werden. Chad Marlow, Datenschützer bei der ACLU, argwöhnt, dass die als Straßenbeleuchtung camouflierten Spähposten in Gegenden mit einem hohen Anteil von Afroamerikanern platziert werden könnten. Sozial Schwache oder marginalisierte Gruppen in der Gesellschaft, die ohnehin schon häufiger und intensiver überwacht werden, könnten in perpetuierte Kontrollschleifen geraten. Doch solange Überwachungstechnologien als harmloses Möbel in den urbanen Raum geschmuggelt werden, wird auch keine Debatte stattfinden.




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Medien, Digital

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Dokument erstellt am 2018-03-23 16:26:53
Letzte Änderung am 2018-03-26 13:50:57


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