Mehrere Stunden verbrachte der Schauspieler Mario Adorf jeden Tag in der Maske. Zuerst musste die weiße Haarpracht der obligatorischen Latexglatze weichen, dann folgte die Perücke und schließlich wurde der legendäre Bart angebracht. Am Ende zahlt sich die lange Prozedur aber jedes Mal aus: Aus Mario Adorf wird Karl Marx, einer der bekanntesten, umstrittensten und wichtigsten Denker der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Geschichte. Mario Adorf verkörpert den Philosoph, Gesellschaftstheoretiker, Sozialreformer und Autor in dem facettenreichen Doku-Drama "Karl Marx - Der deutsche Prophet" (Sa., 20.15 Uhr Arte und Mi., 20.15 Uhr, ZDF), das am Samstag Premiere auf Arte feiert. Es bildet den Beginn des Themenschwerpunkts "200 Jahre Karl Marx", der das Abendprogramm des Kunst- und Kultursenders bestimmt.

Das Doku-Drama nimmt dabei die wenig bekannten Reisen, die Marx in seinem letzten Lebensjahr unternommen hat, als Ausgang für das kurzweilige Porträt. In Rückblenden reist der Zuschauer außerdem noch einmal zu den Stationen im Leben des Gesellschaftskritikers, das durch Verfolgung, Ausgrenzung und Schicksalsschläge geprägt war.

Am 5. Mai 1818 wird Karl Marx als drittes von insgesamt neun Kindern in Trier geboren. Aus politisch und ökonomischen Gründen konvertiert er als Sechsjähriger zum evangelischen Glauben und folgt damit seinem Vater, der aufgrund seines jüdischen Glaubens seine Rechtsanwaltspraxis nicht mehr weiterführen konnte. Dieser Glaubenswechsel wird später prägend für Marx’ weiteres Verhältnis zur Religion sein und ihn 1844 in "Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie" folgende Worte niederschreiben lassen: "Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen."

Er besucht das Friedrich-Wilhelm-Gymnasium in Trier und studiert an den Universitäten Bonn und Berlin Rechtswissenschaften und Philosophie. Später wird Marx Redakteur der linksliberalen "Rheinische Zeitung". Sie entwickelt sich bald zum führenden Blatt der demokratisch gesinnten Opposition in Deutschland - und verhilft Karl Marx zu erster Bekanntheit, bringt ihn aber angesichts der darin regelmäßig veröffentlichten Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen auch in große persönliche Schwierigkeiten. Fortan beginnt für Karl Marx ein Leben in ständiger Verfolgung, ein Leben im Exil, das er dennoch nutzt, um seine Gedanken und Lehren in der Welt zu verbreiten. Prägende Stationen waren unter anderem das Kennenlernen und die daraus resultierende jahrelange Freundschaft zu Friedrich Engels oder die Heirat seiner Verlobten Jenny von Westphalen. Viel zitiert und unvergessen ist auch sein Hauptwerk "Das Kapital", in dem er die kapitalistische Gesellschaft analysiert und die Ausbeutung der Arbeiterklasse verurteilt.

In dem Doku-Drama lässt Regisseur Christian Twente auch Biografen, Historiker und Finanzfachleute zu Wort kommen. So gehen unter anderem der französische Präsidentenberater Jacques Attali und der britische Marx-Kenner Gareth Stedman Jones der Frage nach, wie aussagekräftig die erst allmählich erschlossene Weltbeschreibung des deutschen Propheten heute noch sein kann.

Auch die nachfolgende Dokumentation "Karl Marx und seine Erben" (Sa., 21.45, Arte) unternimmt eine Reise durch die unglaubliche Wirkungsgeschichte, die Marx hinterlassen hat. Sie rekonstruiert, welche Gesellschaftsumbrüche im Namen der Theorien von Marx stattgefunden haben, und führt dabei von der Sowjetunion bis nach China und Kuba sowie der DDR. Von den Studentenbewegungen der 1968er Jahre bis hin zu den Eurokommunisten in Frankreich und Italien. Dabei zeigt die Dokumentation eines auf: Gerade in Zeiten der Globalisierung und der Kritik daran erlebt Karl Marx aktuell eine Art Renaissance.

Mit der Frage der Aktualität beschäftigen sich auch die beiden Filmemacher Torsten Striegnitz und Simone Dobner in der Dokumentation "Fetisch Karl Marx" (Mi., 21.35), die den Abschluss des Themenschwerpunkts darstellt. Sie stellen den Versuch einer "Entmystifizierung eines Denkmals" an und holen den meist-zitierten Ökonomen der Welt noch einmal auf die Erde ins Jahr 2018 zurück. Ihre Erkenntnis: Der Kapitalismus ist nicht totzukriegen. Einer seiner schärfsten Gegner aber auch nicht.