• vom 16.05.2018, 17:08 Uhr

Medien

Update: 16.05.2018, 17:57 Uhr

European Newspaper Congress

Print überlebt – wie das Pferd




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Von Ina Weber

  • "Handelsblatt"-Miteigentümer Gabor Steingart über die digitale Zukunft der Medien, den politischen Vorreiter Sebastian Kurz, die Sozialdemokratie, die geschlafen hat und das Leben im Zeitalter der Überforderung.

Gabor Steingart,1962 in Berlin geboren, ist Journalist und "Handelsblatt"-Miteigentümer. Er erlangte vor allem mit seinem "Morning-Briefing" Bekanntheit. Im Sommer soll es nun unabhängig vom "Handelsblatt" auf gaborsteingart.com erscheinen. - © Stanislav Jenis

Gabor Steingart,1962 in Berlin geboren, ist Journalist und "Handelsblatt"-Miteigentümer. Er erlangte vor allem mit seinem "Morning-Briefing" Bekanntheit. Im Sommer soll es nun unabhängig vom "Handelsblatt" auf gaborsteingart.com erscheinen. © Stanislav Jenis

Wien. Gabor Steingart ist kein Unbekannter in der Medienbranche. Er kam vom "Spiegel", reformierte das "Handelsblatt", zuletzt als Geschäftsführer und Miteigentümer, und wurde Anfang des Jahres von Eigentümer Dieter von Holtzbrinck entlassen. Der Grund war unter anderem eine Ausgabe des bekannten "Morning-Briefing" Steingarts, bei dem er SPD-Politiker Martin Schulz kritisierte. Wie der Streit zwischen Holtzbrinck und Steingart enden wird, ist noch offen. Die "Wiener Zeitung" hat den Journalisten und Buchautor am Rande des European Newspaper Congress getroffen, bei dem das "Handelsblatt" zum Newspaper des Jahres 2017 gekürt wurde.

"Wiener Zeitung": Sie haben bis vor kurzem das "Handelsblatt" wesentlich weiterentwickelt und erneuert. Gab es rückblickend einen entscheidenden Moment, bei dem Sie sich gesagt haben, jetzt müssen wir alles neu machen?

Gabor Steingart: Für mich war schnell klar, dass die Darstellungsform Papier eine unter vielen Möglichkeiten ist und dass das Papierzeitalter in seiner Dominanz zu Ende geht. Die daran hängenden Abos und Anzeigen sind keine Wachstumsgeschichte mehr. Der "Spiegel", bei dem ich zuvor gearbeitet habe, war online schon sehr gut. Das "Handelsblatt" war bei meinem Einstieg im Jahr 2009 ein digitaler Nobody.

Sie sprachen beim European Journalism Congress von der Veränderung des Journalismus vom Ich zum Wir. Wie meinen Sie das?

Dass die journalistische Arbeit stark um den Chefredakteur kreiste. Der Chefredakteur war Lehrer der Nation, ein hoher Priester, der Leitartikel schreibt. Der Leser, die arme Maus, der höchstens mal einen Leserbrief schreiben durfte. Die Digitalisierung hat die Rolle des Lesers enorm verstärkt, so wie das Internet generell die Rolle des Wählers stärkt. Die Bürger können Chatrooms organisieren, sie können sich austauschen. Mütter können sich beispielsweise gegen Nestle organisieren, was Nestle im Übrigen sofort wahrnimmt und der Leser eben auch. Das Internet erhöht den Chefredakteur, es rückt ihn aber auch näher an den Leser und aus dem Monolog wird ein Dialog. Das muss man verstehen – vom Ich zum Wir. Die Zeitungen müssen eine Partnerschaft mit dem Leser eingehen, eine Community begründen. Wir dachten früher, Content ist King. Heute ist es Inhalt, Community und Connectivity.

Aber besteht hier nicht auch die Gefahr, dass einzelne Journalisten erst recht als Ich in den Vordergrund treten?

Dann sind es schon mehr Ichs, nicht mehr nur das eine. Der Leser kann entscheiden. Er sagt uns ohnehin jeden Tag, was er lesen will. Wir sehen die Clicks, wir treffen uns bei organisierten Veranstaltungen mit ihm. Wir haben das einmal in einem Satz zusammengefasst: Wir sind keine Tochtergesellschaft der Holzindustrie, sondern eine Gemeinschaft zur Verbreitung des wirtschaftlichen Sachverstandes. Das war kein Werbespruch, das war für uns. Wie würde das für die "Wiener Zeitung" heißen: Wir sind eine Gemeinschaft, die in und um Wien lebt und ihre Stadt liebt. Das könnte so ein Spruch sein. Und aus der Liebe für die Stadt folgt das Interesse für Kultur, Politik, Wirtschaft. Die Zeitung ist für jene, die hier gerne leben, dich sich tiefer einlassen wollen auf diese Stadt. Und was braucht diese Gemeinschaft? Sie braucht Infos, Nähe, Hilfe, Ventile, um sich artikulieren zu können.

Wie sieht ein modernes Medienunternehmen heute aus? Gibt es geteilte Redaktionen oder muss ein Journalist heute alles können?

Ich würde sagen, beides gilt. Es muss eine Trennung geben und auch wieder nicht. Es muss erlaubt sein zu sagen, ich schreib toll, kann aber nicht auf der Bühne agieren. Ein Medienhaus muss aber auf jeden Fall mehr haben als Menschen, die hinter dem Schreibtisch sitzen.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-16 17:09:09
Letzte Änderung am 2018-05-16 17:57:08


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