• vom 21.06.2018, 16:40 Uhr

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Ende eines Lebensgefühls




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Von Bernhard Baumgartner

  • Musiksender Viva fristete zuletzt ein unwürdiges Dasein und wird nun eingestellt. Er stand für ein mutiges Fernsehen.

Stefan Raab, 1995 bei Viva.

Stefan Raab, 1995 bei Viva.© picturedesk Stefan Raab, 1995 bei Viva.© picturedesk

Das elektrische Schaukelpferd war grün und hatte große Augen. Das sonderbare Tier, das man sonst vor Supermärkten findet, wo es Eltern das Geld aus der Tasche zieht, weil die Kinder darauf reiten wollen, stand mit anderen Schaukelgeräten in der lila Kulisse. Darauf Platz genommen hatte Karl Dall und wartete darauf, ein fluffig-lockeres Interview zu geben. Doch der Moderator der Sendung war anderer Ansicht und wollte Dalls hängendes Augenlid diskutieren. Ob das eine konvex und das andere konkav sei und wie diese sonderbare Krankheit wohl heiße. Während der deutsche Comedy-Veteran ob der Fragen sichtlich fassungslos nach Worten rang, betätigte der Moderator einen Knopf am Pult und das Schaukelpferd begann sanft hin und her zu schaukeln. Das Publikum johlte.

Nein, wir befinden uns nicht in einer besonders perversen Talkshow in den Untiefen des japanischen Trash-TV, wir sind im Deutschland der neunziger Jahre. Und der stets an der Grenze des guten Geschmacks agierende Moderator hieß Stefan Raab und brachte mit seinen abgefahrenen Shows wie "Ma Kuckn" und "Vivasion" gerade eine heimliche Revolution in Gang. Über den Sender, der das und noch viel mehr zuließ, muss man nicht viele Worte verlieren: Es war natürlich Viva, seit 1993 das deutsche Pendant zum amerikanischen Musiksender MTV. Viva war jung, cool und zum Bersten voll mit Potenzial.


Doch das ist lange vorbei. Zum Ende dieses Jahres wird der kärgliche Rest, der zwischen 2 Uhr Früh und 14 Uhr Comedy Central den Sendeplatz warm hält, auch noch eingestellt. Mit diesem Akt der moralisch völlig gerechtfertigten Sterbehilfe geht ein Vierteljahrhundert TV-Geschichte zu Ende: unprätentiös, rational, unvermisst. Denn dort lief Viva ohne Inhalt und Seele, Musikvideos ohne Plan, so gut wie keine Moderation und mit der Werbung lief es auch nicht mehr so wie früher. Viva ging damit den Weg seiner zahlreichen Ableger, die in guten Zeiten die Frequenzen füllten, von Polen bis UK, einer nach dem anderen war in den vergangenen Jahren abgeschaltet worden.

Ende einer großen Ära
Dass das das Ende einer großen Ära ist, wird erst ersichtlich, wenn man sich ansieht, wer bei Viva aller seine erste Chance bekommen hat. Vom legendären Mola Adebisi ("Käpt’n Mola") über Klaas Heufer-Umlauf, von Heike Makatsch bis Enie van de Meiklokjes, von Oliver Pocher bis Charlotte Roche. Niels Ruf, Sarah Kuttner, Jessica Schwarz, Martin Tietjen, Minh-Khai Phan-Thi, Nadine Krüger, Janin Ullmann - auch Jenny Posch und Mirjam Weichselbraun machten ihre ersten Schritte in der Kölner Vorstadt, wo Viva in Nachbarschaft zu Harald Schmidts Studio und der legendären Produktionsfirma BrainpoolTV, die Viva später sogar aufkaufte, seine besten Zeiten verbrachte.

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Medien, Fernsehen

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