Washington. In den USA hat in den vergangenen Jahren ein beispielloses Sterben von Einkaufszentren eingesetzt. Landesweit machen Shopping-Malls dicht. Reihenweise schließen Kaufhausfilialen. Die leeren Kaufhäuser stehen wie Memento Mori in einer verlassenen Konsumlandschaft herum. Wo einst volle Regale waren, hängen heute Kabel von der Decke und wuchert Unkraut aus Rolltreppen. Die Seite deadmalls.com hat diesen Verfallsprozess eindrucksvoll dokumentiert. Die Zeiten, in denen Kaufhausketten wie Macy’s die Eröffnung neuer Malls mit einem fulminanten Feuerwerk feierten, sind längst vorbei. Seit 2002 sind 448.000 Jobs im Einzelhandel vernichtet worden, ein Rückgang von 25 Prozent. Schuld daran ist nicht zuletzt der Online-Handel: Verbraucher bestellen Waren im Internet bei Amazon. Das ist bequemer und häufig billiger. Der Zweikampf zwischen stationärem Handel und E-Commerce wurde von US-Medien zu "Amazon vs. the Mall" stilisiert.

Noch gibt es in den USA rund 1400 Malls. Analysten sagen voraus, dass bis 2022 jede vierte Mall den veränderten Konsumgewohnheiten zum Opfer fallen könnte. Damit geht auch ein Stück des American Way of Life verloren: Shopping-Malls waren die sozialen Zentren der Suburbs, der amerikanischen Vororte, so etwas wie ein Forum. Die nicht nur architektonische und städtebauliche Frage ist, was mit diesen leerstehenden Malls passieren soll und welche Nutzungskonzepte man dafür entwickelt. Manche Malls wurden zu Kliniken, Serverfarmen, Hockeyhallen und sogar Kirchen umfunktioniert. Doch ausgerechnet der größte Verschrotter könnte die Malls revitalisieren und einer neuen Nutzung zuführen. So hat Amazon ein Gebäude auf dem Gelände der Randall Park Mall vor den Toren Clevelands als Warenlager angemietet. Die Mall, die 1976 eröffnet wurde, galt einmal als größtes Einkaufszentrum der Welt. 2009 musste die Mall wegen einbrechender Umsätze schließen, 2014 kamen die Bagger. Wo früher ein Warenhaus war, ist heute ein Lager. Der Ökonom Joseph Schumpeter nannte diesen Prozess "schöpferische Zerstörung": Der Kapitalismus erneuert sich stetig.

Amazon will riesige Flächen


Amazon benötigt für seinen Warenversand riesige Flächen. Der "physische Fußabdruck" des Online-Händlers hat sich laut dem Jahresbericht im vergangenen Jahr um 42 Prozent fast verdoppelt. Die Fläche, auf der sich das globale Imperium von Jeff Bezos erstreckt, beläuft sich auf 24 Quadratkilometer - eine Fläche so groß wie das Stadtgebiet von Basel. Und der Flächenbedarf - speziell für Rechen- und Logistikzentren - wird durch die Zunahme des Auftrag- und Datenvolumens (nicht zuletzt aufgrund des Sprachassistenten Alexa) immer größer. Das Problem: Die Flächen sind knapp. Und der Bau neuer Warenhäuser ist teuer und bürokratisch aufwendig. Der Sender CNBC fasste das Problem bündig zusammen: "Amerika ist übermallifiziert, aber es fehlen Warenhäuser, um Amazon zu unterstützen." Die leerstehenden Malls bieten dafür günstige Infrastruktur.

Im Bieterverfahren um Amazons zweites Hauptquartier bewarb sich das Montgomery County in Maryland als Standort mit einer freien Fläche, auf der früher eine Shopping-Mall stand. Der US-Paketkonzern FedEx hat auf dem Areal einer Shopping-Mall in Mesquite, einem Vorort von Dallas, ein Distributionszentrum errichtet, wo Maschinen Pakete sortieren. Und der weltgrößte Einzelhändler Wal-Mart hat zehn seiner im vergangenen Jahr 63 geschlossenen Filialen seines Großhändlers Sam’s Club in Distributionszentren für sein wachsendes E-Commerce-Geschäft umgewandelt. Wal-Mart, einst der unangefochtene Platzhirsch holt online gegenüber Amazon kräftig auf.

In Südkorea hat im vergangenen Jahr die erste virtuelle Shopping-Mall eröffnet, die man nur mit VR-Brillen besuchen konnte. In der VR-Version konnte der Kunde durch eine virtuelle Shopping-Mall gehen und Produkte in den Warenkorb legen. Wenn man auf einen Artikel klickte, wurden zusätzliche Produktinformationen angezeigt. Südkorea ist Vorreiter in der Innovation. Samsung hat in New York einen Shop ohne Waren ("the unstore") eröffnet. Statt endloser Regale finden sich in dem 3700 Quadratmeter großen Geschäft ein Multimedia-Studio, eine Kunstgalerie sowie ein Theater mit 90 Sitzplätzen. Der Besucher soll die Warenwelt von Samsung nicht physisch, sondern virtuell und emotional erleben.