Sie ist wohl das am stärksten repetierte Suderthema der letzten Wochen: die elendige Hitze. Natürlich ist man sich im Oberstübchen zwar bewusst, dass man die tropischen Temperaturen bald überstanden hat und der Winter schneller kommt, als einem lieb ist. Doch wie jeder Dachgeschoßbewohner weiß, wird es gerade in den oberen Stübchen bei über 30 Grad ganz schön stickig. Und die jahreszeitbedingte Abkühlung rückt in ebenso weite Ferne wie der über acht Staffeln hinweg angekündigte Winter in "Game of Thrones": "Der Winter naht." Aber wann denn nur? 3sat hat anscheinend auch schon die Geduld verloren beim Warten darauf, dass sich die ewige Kälte von Nord nach Süd über Westeros legt, und kommt ihr am Sonntag lieber entgegen. Der Thementag "Raue Welt Nordnordwest" nimmt die Zuschauer mit auf eine Reise in den hohen Norden.

Und diese Reise zahlt sich allein schon für die geisterhaft tanzenden Nordlichter aus. Für die Wikinger waren sie die Reflexion der Schilder der Walküren, für die skandinavischen Ureinwohner die Geister der Toten und für die Eskimos das Ergebnis eines Ballspiels ihrer Ahnen mit einem Walrossschädel. Mythen und später auch wissenschaftliche Theorien rankten sich seit je her um die magisch anmutenden Lichtgestalten am Himmel. Vor gut hundert Jahren lieferte der norwegische Forscher Kristian Birkeland fundamentale Erkenntnisse über ihre Entstehung, mit denen er zu seiner Zeit allerdings auf große Zweifel stieß: Es handle sich um einen Strom aus elektrisch geladenen Teilchen, der von der Sonne zur Erde komme und das Gasgemisch der oberen Erdatmosphäre erleuchte. Nur ungefähr 1000 Kilometer vom Nordpol entfernt, unweit von Birkeland nördlichster Beobachtungsstation in der Arktis, steht heute ein Hightech-Observatorium, in dem Wissenschaftler die letzten Geheimnisse der mysteriösen Himmelslichter lüften wollen. Die Terra-X-Dokumentation "Jagd nach dem Himmelsfeuer" (So., 8.35, 3sat) zeigt die Erklärungssuche damals wie heute und porträtiert vor allem Birkeland und seine abenteuerlichen Expeditionen.

Doch der Norden hat weit mehr im Angebot als ehrfurchtgebietende Himmelserscheinungen. Auch zu Lande und zu Wasser tummelt sich allerhand, wie die Doku-Reihe "Wildes Skandinavien" in den Folgen "Norwegen" (So., 18.00), "Dänemark (So., 18.45) und "Schweden (So., 19.30) beweist. Drei Jahre lang haben Tierfilmer die eindrucksvolle skandinavische Flora und Fauna abgelichtet. Die hautnahen Aufnahmen von fischenden Bären und ringenden Elchen, von speienden Vulkanen und tosenden Wasserfällen zeichnen ein breit gefächertes Bild vom hohen Norden, als das, was man womöglich aus Kinderbüchern oder Krimis extrapoliert hat.

Pünktlich zum Hauptabendprogramm mündet der Thementag dann aber doch im Fiktionalen. Wer dabei nun an die "Kinder von Bullerbü" oder den "Michel von Lönneberga" denkt, assoziiert vielleicht kurz ungetrübte Kindheitstage, sitzt damit aber am falschen Hundeschlitten. Auch cineastisch hat der Norden noch einiges anderes im Angebot als Kinderbuchverfilmungen - wie zum Beispiel die Tragikomödie "Wie im Himmel" (So., 20.15): Der international erfolgreiche Dirigent Daniel Daréus (Michael Nyqvist) kehrt in sein schwedisches Heimatdorf zurück und schwingt dort vor dem ortsansässigen Kirchenchor den Taktstock. Nach und nach enthüllen sich die beklemmenden Schicksale mancher Chormitglieder, ein tiefes Verbundensein entsteht, bis die Handlung schließlich in einem Gesangswettbewerb in Österreich ihren Höhepunkt findet. Das sollte übrigens nicht die einzige Koketterie des Films mit der Alpenrepublik bleiben. 2013 kam er unter der Regie von Janusz Kica auf die Bühne der Josefstadt.

Doch fiktional hin, dokumentarisch her: 3sat malt mit diesem Thementag ein Bild des Nordens, das mindestens so farbenfroh ist wie das Spiel der Polarlichter. Wenn also beim nächsten Ikea-Besuch die Begleitperson bei Fleischbällchen und Mandeltorte mit Skandinavien-Klischees um sich wirft, ist man nach diesem Sonntag durchaus dazu befugt, ein weiteres Zitat aus "Game of Thrones" zu bemühen: "Du weißt gar nichts, Jon Snow."