Los Angeles. Bean ist so ziemlich alles, was eine Prinzessin nicht sein sollte: Sie lässt keinen vollen Bierkrug stehen, betrügt einfache Bürger beim illegalen Pokerspiel und hat eine beinharte rechte Gerade. Doch die liebevoll-freche Prinzessin hat ein Problem: Ihr Vater, der stets mieselsüchtige König Zøg, will die überzählige Tochter aus erster Ehe mit einem Königssohn verheiraten, um eine politisch wertvolle Allianz zu schmieden. Bean will das mit allen Mitteln verhindern. Gut, dass sie da den Schlund zur Hölle - Pardon! - ein rätselhaftes Geschenk schon vor der Zeremonie öffnet. Heraus springt der schwarze Dämon Lucy, von katzenhaftem Wesen und stets bemüht, Bean auf die dunkle Seite zu führen.

Als ob sie dafür Hilfe bräuchte! Denn der zu matrimonierende Königssohn erleidet vor der Trauung leider einen bedauerlichen Unfall - Stichwort Pfahl und Kopf. Egal, er hat ja noch einen outrierenden jüngeren Bruder. Bean nimmt darob noch im Hochzeitskleid Reißaus. Ein ihr zugelaufener Elf namens Elfo, der das Königreich der stets unerträglich frohen Elfen verlassen hatte, stolpert dabei an ihre Seite. So bildet sich ein ungewöhnliches Trio, das bereit ist, für Beans Freiheitsdrang einiges in Kauf zu nehmen. Oder wie würde Jung-Dämon Lucy sagen: "Tu es!!"

"Disenchantment" (zu Deutsch etwa "Entzauberung") ist Comic-Mastermind Matt Groenings drittes großes Zeichentrickprojekt neben den "Simpsons" (derzeit in der 30. Staffel) und "Futurama" (1999-2006). Zehn Jahre gärte das Projekt schon, bevor Netflix zugriff und eine Staffel mit zehn Folgen bestellte, die seit Freitag weltweit abrufbar ist.

Wer sich eine Fortführung der Simpsons mit anderem Thema erwartet, wird nicht bekommen, was er sucht. Zwar jodelt Bean nach einem kräftigen Krug Bier genauso bezaubernd wie Homer Simpson, aber hier wird (allen offensichtlichen Ähnlichkeiten im Artwork zum Trotz) eine andere, eigene Geschichte erzählt. "Disenchantment" hat einen Erzählstrang, die Folgen bauen aufeinander auf. Die Figuren erhalten dadurch mehr Tiefe und Charakter, man taucht ein in eine erzählte Welt, die eine gewisse Weitläufigkeit erahnen lässt. Tatsächlich haben Groening und seine Zeichner das Artwork in eine neue Dimension gehoben. "Disenchantment" ist nicht zweidimensional. Kaum eine Szene, die nicht dreidimensionale Eindrücke eingebaut hat.

Ein Stück weit erwachsener

Das ist vermutlich der größte Unterschied zu den "Simpsons". Die aufwendige Produktion, wie man es von Netflix gewöhnt ist, ist deutlich erkennbar. Weitläufige Hintergründe und detailreiche Ausführung machen die Serie zu einem optischen Genuss. "Disenchantment" wirkt damit, ganz im Widerspruch zu ihrem märchenhaften Setting, in Summe ein ganzes Stück weit erwachsener.



Natürlich hat Matt Groening einige Überraschungen verpackt. Fans von "Futurama" werden sich freuen, in der Originalversion praktisch den kompletten Sprecher-Cast aus "Futurama" wiederzuerkennen. John DiMaggion (Futurama: Bender) spricht König Zøg. Tress MacNeille ist die Einzige, die in allen drei Produktionen Rollen hat. Sie spricht Königin Oona, die rätselhafte reptilienhafte Stiefmutter von Bean. Auch David Herman, Maurice LaMarche und Billy West sprachen bei "Futurama" etliche Rollen, auch sie sind wieder mit an Bord.

"Disenchantment" ist ein mit viel Liebe für das Figurenensemble gezeichneter Spielplatz mit reichlich absurdem Humor. Denn in Dreamland, dem verzauberten Königreich, wo sich die Abenteuer von Prinzessin Bean und ihren Freunden entfalten, ist nichts so, wie es auf den ersten Blick scheint: Wenn der Zauberer des Königs maximal schlechte Kartentricks zu bieten und der weise Guru nur Wäschetipps auf Lager hat und sich die gute Fee als abgehalfterte Rotlicht-Schönheit entpuppt, die ihren guten Rat nur gegen bare Münze springen lässt, ("That was so helpful, how are we ever gonna repay you?" - "In cash!"), weiß man: Hier ist der Meister des Humors am Ruder.

Elfen, Meerjungfrauen, Feen, Kobolde, Reptiloide, Riesen, Zwerge - alles, was ein echtes Märchen haben muss, wird hier aufgeboten. Und sei es für eine grenzgeniale Schlacht zwischen Zwergen und Riesen, die selbst im "Herr der Ringe"-Kosmos nicht absurder zu sehen war.

Emmy-Preisträger Matt Groening arbeitet übrigens bereits am zweiten Simpsons-Film, der erste (im Jahr 2007) lief sehr erfolgreich. Bleibt nur zu hoffen, dass Bean ihrem Prinzen (genannt "The Slayer of Metallica") entkommt und sich dabei in die Herzen des Publikums pöbelt. Oder wie würde es der stets patscherte Jung-Dämon Lucy formulieren? "TU ES!!"