• vom 26.08.2018, 09:00 Uhr

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Tatort

Der "Tatort" als Kult-Vermächtnis




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Von Viktoria Klimpfinger

  • Vergangene Woche ist der "Tatort"-Erfinder Gunther Witte verstorben. Seine Schöpfung überdauert seit Jahrzehnten.

Nora Tschirner und Christian Ulmen ermitteln am "Tatort" über "Die robuste Roswita". - © ORF

Nora Tschirner und Christian Ulmen ermitteln am "Tatort" über "Die robuste Roswita". © ORF

An einer Autobahn in der Nähe von Leipzig wird ein toter Bub gefunden. Die Behörden der DDR fordern Hilfe bei den Kollegen aus der BRD an, weil das Opfer Kleidung westdeutscher Herkunft trägt. Es ist die televisionäre Geburtsstunde des allerersten "Tatort", der 1970 auf "Das Erste" ausgestrahlt wurde. Als die Mauer zwischen Ost- und Westdeutschland 1989 endlich fällt, ist der "Tatort" also schon längst volljährig. Das macht ihn zur ältesten Krimireihe im deutschen Fernsehen. Und wahrscheinlich auch zur beliebtesten: Auf "Das Erste" schalteten 2010 bei jedem neuen Fall über acht Millionen Zuseher ein.

Fest verwurzelt
Der "Tatort" ist so fest im deutschsprachigen Fernsehen verwurzelt, man könnte fast meinen, er wäre organisch entstanden, immer schon da gewesen, vielleicht sogar vor dem Fernsehen selbst. Aber auch er war ursprünglich nichts anderes als eine Idee, und zwar im Kopf von Gunther Witte. Der Dramaturg und ehemalige Fernsehspielchef des WDR ist am 16. August im Alter von 82 Jahren verstorben. Sein Vermächtnis ist längst schon zur Kult-Serie geworden und wird noch lange ganze Haushalte vor den Fernseher holen. Das zeigen allein schon die zwei "Tatort"-Folgen auf fünf Sendern an diesem Wochenende sowie die etlichen Neuankündigungen für Herbst und Winter.


Mit "Der letzte Patient" zeigt der NDR am Samstag eine "Tatort"-Episode (20.15 Uhr) aus dem Jahr 2010. Kommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) ermittelt im Mordfall an der Ärztin Silke Tannenberg (Cristin König), mit der Lindholms Vorgesetzter ein lockeres Verhältnis pflegte. Als der kognitiv eingeschränkte Jugendliche Tim König (Joel Basman) auf der Bildfläche auftaucht und sich Ermittlerin Lindholm anvertraut, wird er kurze Zeit später ebenfalls ermordet aufgefunden. Ans Licht kommt, dass Tim und sein Bruder von mehreren Männern sexuell missbraucht wurden unter der Androhung, ins Pflegeheim zurückzumüssen, wenn sie nicht gehorchen. Dass Dr. Tannenberg den Drahtziehern auf die Schliche gekommen ist, wurde ihr offenbar zum Verhängnis.

Am Sonntagabend flimmert ein brandneuer "Tatort" über die Bildschirme, und das fast gleichzeitig auf vier verschiedenen Sendern (SF1 20.05, ORF2 20.15, ARD 20.15, ONE 21.45). In "Die robuste Roswita" haben es die Weimarer Kommissare Kira Dorn (Nora Tschirner) und Lessing (Christian Ulmen) mit einer ungewöhnlichen Leiche zu tun: einer granulierten. Zusammen ergeben die Stückchen Christoph Hassenzahl (Matthias Paul), den Geschäftsführer einer Kloßmanufaktur, oder regional angepasst: Knödelfirma. Plötzlich taucht die totgeglaubte Ehefrau des Mordopfers auf, die titelgebende robuste Roswita (Milena Dreissig). Nach einem Unfall vor sieben Jahren hatte sie das Gedächtnis verloren und schlägt sich seither als Toilettenreinigungskraft an einer Autobahnraststätte durch. Dass sie allerdings just an dem Tag ihre Erinnerung wiedererlangt, an dem ihr Mann ermordet wird, macht sie natürlich verdächtig. Das für seinen spärlichen Verdienst unverhältnismäßig teure, neue Auto ihres Lebensgefährten rückt die beiden auch nicht unbedingt in vertrauenswürdigeres Licht. Und dann ist da ja auch noch der wütende Kartoffelbauer, den die Geliebte des Mordopfers in den wirtschaftlichen Ruin getrieben hat. Auch wenn man bei Erdäpfeln und Knödeln aufs Erste wahrscheinlich eher ans Ganslessen denkt als an Mord und Totschlag, verspricht dieser "Tatort" deutlich mehr zu werden als bloß kulinarisch bodenständige Kost.

Apropos "Knödl" und "Gansl": Im Herbst ermitteln die österreichischen Fernsehkommissare Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) wieder in Wien. In "Her mit der Marie!" finden sie eine unidentifizierbare Leiche an einer Landstraße. Wie sich in mühevoller Ermittlungsarbeit herausstellt, handelt es sich dabei um einen Lakaien des Großkriminellen "Dokta". Anscheinend ist hier eine Geldübergabe furchtbar schiefgegangen. Und auch in Berlin, Luzern, Stuttgart, Kiel wird die Fernsehkriminalität weiterflorieren. Die Liste an geplanten Neuerscheinungen der "Tatort"-Reihe will nicht enden. Bei all den neuen Fällen müsste Wolf Haas‘ Brenner manisch, erschöpft und in Dauerschleife brummen: "Jetzt ist schon wieder was passiert." Und wieder, und wieder, und wieder.




Schlagwörter

Tatort, Die robuste Roswita, ORF, TV, Krimi

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-24 16:03:05
Letzte Änderung am 2018-08-24 17:39:43


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