• vom 06.09.2018, 16:25 Uhr

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Update: 06.09.2018, 16:44 Uhr

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Literatur aus dem Automaten




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Von Adrian Lobe

  • Bots sind als tumbe Meinungsmacher in Verruf geraten. Doch ihnen gelingen auch feine literarische und poetische Töne.

Die Bezeichnung Schreibmaschine könnte durch Bots künftig eine völlig neue Bedeutung erhalten. - © jakkapan - stock.adobe.com

Die Bezeichnung Schreibmaschine könnte durch Bots künftig eine völlig neue Bedeutung erhalten. © jakkapan - stock.adobe.com

Im Jahr 1845 stellte der britische Buchdrucker und Tüftler John Clark in der Egyptian Hall in London den ersten Literaturautomaten vor. Die hölzerne Apparatur, die ein wenig wie eine Orgel aussah, generierte lateinische Hexameter, ein Versmaß der epischen Dichtung. Über eine aus Rädern, Spulen und Federn bestehende Mechanik wurden Buchstaben zu Worten zusammengebaut und nach vorgegebenen syntaktischen Regeln in eine der sechs freien Slots platziert. Man kann es sich wie Slotmaschine im Kasino vorstellen: Der Mensch betätigte einen Hebel, die Maschine beginnt zu rattern und spuckte in einem Sichtfenster einen Vers aus. Für einen Schilling Eintritt konnte das Publikum das mechanische Schauspiel sehen.

Knapp 15 Jahre hatte Clark an der Maschine getüftelt. Es war die Zeit, in der Informatik-Pioniere wie Charles Babbage die ersten programmgesteuerten Rechenmaschinen entwickelten. Bis zu 26 Millionen mögliche Verse hatte Clarks Eureka-Maschine "auf dem Kasten". Allerdings: Die Kompositionsrate war recht langsam. Der Automat musste jeden einzelnen Buchstaben zusammensetzen. Das dauerte. Einen Vers pro Minute schaffte die Eureka-Maschine. Selbst wenn sie Tag und Nacht lief, kamen lediglich 1440 lateinische Verse heraus. Hohe Dichtungskunst war der Output auch nicht.

Pfiffige Poesie-Programme und Ideenrecycling

Moderne Computer sind nicht nur schneller, sondern auch pfiffiger, obwohl sie immer noch nach einem vorgegebenen Skript operieren und ihre Ergebnisse determiniert sind. Der Google-Ingenieur Ray Kurzweil hat ein Poesie-Programm ("Cybernetic Poet") entwickelt, das mithilfe sprachgestaltender Techniken automatisch eine Versdichtung erzeugt. Basierend auf Gedichten, die es zuvor "gelesen" hat, erzeugt das System ein Sprachmodell, welches Sprachstil, Rhythmen und Aufbau imitiert. Ein computergenerierter Haiku klingt dann so: "Verrücktes Mondkind/hüte dich vor dem Sarg/trotz deinem Schicksal." Mit Zuschreibungen wie "kreativ" und "geistreich" muss man bei Denkmaschinen ja immer vorsichtig sein, weil Kreativität noch immer die Domäne des Menschen ist und der Geist sich nicht automatisieren lässt. Für den Haiku hat der kybernetische Poet Lyrik-Material einer Dichterin gesampelt. Doch sind Literatur und Poesie nicht schon immer ein Ideenrecycling gewesen?

Die Literaturgeschichte ist eine Geschichte des ständigen Kopierens. Schon Balzac sah sich mit Vorwürfen konfrontiert, seine Comédie humaine sei ein Plagiat von Homers Odyssee. Der Autor, schrieb der Schriftsteller Italo Calvino in seinem Aufsatz "Cibernetica e fantasmi", sei eine macchina scrivente, eine schreibende Maschine - er folge den Regeln anderer Autoren. "Die wahre Literaturmaschine wird eine sein, die selbst das Bedürfnis verspürt, Unordnung zu produzieren, als Reaktion auf die vorhergehende Produktion von Ordnung."




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Medien, Literatur

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2018-09-06 16:36:00
Letzte Änderung am 2018-09-06 16:44:53



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