• vom 07.09.2018, 16:41 Uhr

Medien

Update: 07.09.2018, 17:06 Uhr

Film

Die Qual der Wahl




  • Artikel
  • Lesenswert (5)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Matthias Greuling

  • Finale der Filmfestspiele Venedig: Die Auswahl an würdigen Preisträgern ist so groß wie lange nicht.



Brutale Realität: "The Nightingale".

Brutale Realität: "The Nightingale".© Festival Venedig Brutale Realität: "The Nightingale".© Festival Venedig

Venedig. Die Jury beim 75. Filmfestival von Venedig hat es nicht leicht: So üppig wie dieses Jahr ist die Anzahl der preiswürdigen Filmbeiträge im Wettbewerb um den Goldenen Löwen, der hier am Lido von Venedig am Samstagabend im Rahmen einer glanzvollen Gala vergeben wird, sonst nie. Bei all den hochkarätigen Filmen (und ihren Stars, die die Schlagzeilen beherrschen), sind einige beachtenswerte Filme regelrecht untergegangen. Das ist durchwegs problematisch: Es kann nicht das Ziel eines A-Festivals sein, sich darauf reduzieren zu lassen, Startrampe für Awards-Season und Streaming-Portalware zu sein, und darüber das künstlerische Weltkino zu übersehen, das nun anderswohin ausweichen muss, etwa nach San Sebastian.

Dem starken Wettbewerb geschuldet ist etwa, dass man die beiden österreichischen Arbeiten in Venedig beinahe gar nicht wahrgenommen hat: "Joy" von Sudabeh Mortezai ("Macondo") lief in einer Nebenreihe und erzählt vom Schicksal nigerianischer Sexarbeiterinnen in Wien; als Spielfilm mit Laien gedreht, zeigt der Film, wie eine erfahrene Prostituierte sich um einen Neuankömmling kümmern muss; die junge Afrikanerin wurde wie die meisten unter falschen Versprechungen nach Österreich gelockt und hat hier kaum mehr die Möglichkeit, die Enttäuschung zu korrigieren. Der zweite Beitrag stammt vom Argentinier Gastón Solnicki: In "Introduzione all’oscuro" zimmert dieser Filmemacher, früher oft zu Gast bei der Viennale, eine sehr persönliche Hommage an den verstorbenen Viennale-Direktor Hans Hurch, der im Film nur auf Fotografien zu sehen, dafür öfter auf Tonebene zu hören ist. Solnickis Hommage sieht aus wie ein Reisebericht, er filmt Wien zwischen Postkartenblick und persönlicher Erfahrung, es verschlägt ihn in die Lebenswelt Hurchs - vom Kaffeehaus bis ins Gartenbaukino. Eine schöne Hommage, die vor allem für Hans Hurchs Umfeld erinnerungswürdige Momente bietet.

Einzige Frau im Wettbewerb

Bevor Jury-Präsident und Vorjahres-Gewinner Guillermo del Toro die Qual der Wahl hat, die Sieger zu küren, nutzte er die Aufmerksamkeit dafür, kundzutun, dass er für mehr Gleichheit unter den Geschlechtern ist, ein Vorschlag, den das Festival dankend aufgenommen hat und nun künftig selbst für Parität bei seinen Mitarbeitern sorgen will; im Programm ist diese Parität jedenfalls noch lange nicht angekommen: Mit "The Nightingale" der Australierin Jennifer Kent ist nur ein Film einer Frau im Wettbewerb.

Der hat es allerdings in sich: Vielen Kritikern blieb ob der Brutalität des Dramas die Luft weg, etliche verließen den Saal. Kent erzählt von einer geschundenen Frau in der australischen Einöde des Jahres 1825, als sich britische Soldaten dort mit fieser Ausbeutung, Schikaniererei, Vergewaltigung und Mord ein Leben im Dauersuff bescherten; weil Clare (Aisling Franciosi) während ihrer eigenen Vergewaltigung durch einen Offizier mitansehen muss, wie ihr Ehemann per Kopfschuss stirbt und ihr Baby brutal ermordet wird, sinnt die völlig paralysierte Frau auf Rache. Gerade diese Szene war vielen nur schwer erträglich, hat aber wohl der grausamen Realität vieler Frauen jener Zeit entsprochen. Es ist daher gar nicht ausgeschlossen, dass Kent für ihr Drama einen Preis erhält.




weiterlesen auf Seite 2 von 2




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-07 16:51:01
Letzte Änderung am 2018-09-07 17:06:27


1922 - 2018

Comic-Legende Stan Lee ist tot

20181112Stan Lee - © APAweb / AFP, Getty, Rich Polk Los Angeles. Comic-Legende Stan Lee ist tot: Lee hatte in den 60er Jahren gemeinsam mit dem Marvel-Verlag das Superhelden-Genre revolutioniert... weiter




Mickey Mouse

Die Maus ohne Eigenschaften

20181109_Micky_Maus_wird_90 - © Disney 2018 Es ist nicht so einfach. Obwohl, eigentlich ist es sehr einfach. Das größte Problem der Micky Maus ist, dass sie keine Ente ist... weiter





Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Die Tiefe des Meeres im Krieg
  2. Egoisten bleiben sie allemal
  3. Mord mit Stil
  4. Eine Gala für das Theater
  5. Der Ursprung der Wiederholung
Meistkommentiert
  1. Lang lebe Europa!
  2. Rene Benko steigt bei "Krone" und "Kurier" ein
  3. Kritik an finnischem Rechts-Metal-Konzert in Wiener Club
  4. Weißes Haus verteidigt sich mit Fake-Video
  5. Schweigen im Blätterwald


Quiz


Neo-Viennale-Chefin Eva Sangiorgi (links) mit der Regisseurin des Eröffnungsfilms Alice Rohrwacher

Sozialdemokratische Kundgebung für das Frauenwahlrecht, Wien-Ottakring, 1913 "Der Bauerntanz", entstanden um 1568.

Ignaz Kirchner als "Samiel", 2007, während der Fotoprobe von "Der Freischuetz" in Salzburg.  Das Tutu ist das Spezifikum der Ballerina, die elfengleich über die Bühne schwebt.


Werbung