Die Kritikerwertung führt seit Beginn Alfonso Cuarons "ROMA" an, mit dem der Mexikaner von der großen Hollywood-Bühne für ein kleines Schwarzweiß-Essay über seine Heimat und seine Jugendzeit ebendort zurück zu seinen (auch filmischen) Wurzeln gekehrt ist. Es ist ein meisterlicher Film, aber es ist auch einer, dem man sich aussetzen muss und der Geduld erfordert. Erstaunlich, dass ausgerechnet dieses langsame, persönliche Kino von einem Quoten-Fabrikanten wie Netflix produziert wurde. Gewinnt "ROMA" hier am Samstag Abend einen wichtigen Preis, dann wäre das wie ein Faustschlag ins Gesicht von Cannes, wo man "ROMA" wegen des Netflix-Banns abgelehnt hatte.

Relevante Themen

Zu Ende des Festivals haben sich noch weitere Preiskandidaten hervorgetan: Dazu gehört auch "Nuestro tiempo" des Mexikaners Carlos Reygadas. Der Regisseur verortet sein dreistündiges Drama in seinem engsten Lebensumfeld: Frau, Kind, Setting auf einer Rinder-Farm, alles gehört (zu) Reygadas, und genau dort entspinnt er in breiten, oft ruhelosen Bildern das Dilemma einer Ehe, in der versucht wird, eine offene Beziehung zu leben, was aber nicht wirklich funktioniert; schnell ist der Ehemann scheinbar im Nachteil, weil er die Affäre seiner Frau mit einem Pferdeflüsterer nicht erträgt.

Paul Greengrass hat hier mit einer sehr trocken-analytischen, aber dichten Verfilmung des Breivik-Anschlags auf Utoya ("22 July") für Aufsehen gesorgt, und auch in "Vox Lux" von Brady Corbet dreht sich alles um die (psychologischen) Folgen des Terrorismus. Thematisch ist Venedig dieses Jahr überhaupt nah am Puls der Zeit, das ist vielleicht die eigentliche Funktion eines Festivals: Dass über die Filme gesprochen wird. Wer am Ende den Preis kriegt, wird umso unwichtiger, je dringlicher die Anliegen sind, die die Filme vertreten.