• vom 10.09.2018, 16:50 Uhr

Medien

Update: 11.09.2018, 14:14 Uhr

Wissenschaftsvermittlung

Mit den Waffen der Neugier




  • Artikel
  • Lesenswert (11)
  • Drucken
  • Leserbrief





Das Nicht-Faktische birgt aber offenbar eine Faszination: Immer mehr Menschen gehen davon aus, dass CO2 nichts mit dem Klimawandel zu tun hat, dass Religionen Faktenlehren sind, dass Impfungen der Gesundheit schaden. Warum?

Im Moment erleben wir eine Beförderung der Erregtheit. Viele öffentlich-rechtlichen Sender nehmen an diesen Erregtheits-Spiralen teil. Wir konnten das zuletzt im deutschen Fernsehen rund um die Berichterstattung zu Fremdenhass nach dem Tötungsfall in Chemnitz beobachten: Der reflektierende, einordnende Aspekt in den Medien stirbt zugunsten von rhetorischer Polemik. Ich habe seit etwa fünf Jahren das Gefühl, dass zum ersten Mal in der industriellen Welt die Prinzipien der Aufklärung von einem Teil der Bevölkerung nicht mehr geteilt werden.

In welcher Hinsicht?

In einer aufgeklärten Welt herrscht der Konsens, dass Debatten auf der Basis der Wahrhaftigkeit von Fakten geführt werden. Heute gibt es aber Politiker, die sagen: Die Fakten mögen so sein, wie sie sind, aber mich interessiert die gefühlte Wahrheit. Und diese gefühlte Wahrheit ist oft diskrepant zur tatsächlichen. Genau da ist es ein ungemein wichtiger Auftrag, die Flamme der Aufklärung, nämlich den faktenbasierten Diskurs, viel stärker zu befeuern, als wir das vielleicht in der Vergangenheit gemacht haben.

Leben wir in einer Welt, in der die Wahrheit verdreht wird?

Immerhin erleben wir es das erste Mal, dass eine Politik, die auf sogenannten alternativen Fakten basiert, reale Konsequenzen hat - von Protektionsmus bis zur Verabschiedung Andersdenkender. Dahinter steht eine Strategie einer fundamentalen Destabilisierung von liberalen, demokratischen Strukturen. Es verliert sich auch der Umgang mit Komplexität - also der Umgang einer modernen Industriegesellschaft, die in vielen Facetten sehr komplex ist. Populisten können das extrem gut umschiffen, denn in deren Kategorien ist die Welt gefährlich einfach. Wir müssen in einer veränderten Medienwelt in veränderten Kategorien denken. Die Frage ist, wie wir etwas erzählen und mit welcher Grammatik wir Fakten tatsächlich vermitteln. Wir müssen es schaffen, sie einer breiten Allgemeinheit verständlich zu machen.

Wie zum Beispiel?

Nehmen wir die Debatten rund um Asyl und Migration. Da nehmen wir sehr viel Stimmung mit und erschreckend wenig Fakten mit. In Deutschland glauben die Menschen, der Ausländeranteil ist 30 Prozent, aber in der Realität ist er halb so groß. Große Migrationsströme gibt es nicht nur bei uns, sondern stärker noch in Asien - zudem zieht es Migranten nicht zum Großteil in Industrieländer. Das alles gehört klargelegt. Auch könnten wir uns den Einfluss der Klimaerwärmung auf die Migration anschauen - und gegensteuern.

Wie oft hat Ihnen schon jemand Geld dafür angeboten, dass Sie ein bestimmtes Thema bringen?

Ich würde fast nervös, wenn das aufhören würde, zu passieren. Die Angebote reichen von knallharter Werbung über verklausulierte Testimonials bis zu von Agenturen geschriebenen Büchern, auf deren Cover ich mein Foto setzen sollte. Da muss man wissen, wo man steht. Ich bin seit zehn Jahren freier Autor und könnte mit Werbung viel Geld verdienen. Aber ich mache das nicht.


zurück zu Seite 1




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-10 17:00:08
Letzte Änderung am 2018-09-11 14:14:57


Comicreader

Comics auf dem Schirm

Die Leseoberfläche... In der besten aller Welten gibt es ein standardisiertes Buchformat, und alle elektronischen Bücher sind damit kompatibel... weiter




Comic

Das Rätsel des 20. Jahrhunderts

Coversujet des "Fun"-Comics. - © avant-verlag Endlos aufsteigende Fassaden, gleichmäßig angeordnete Fenster, die Verästelungen stählerner Brückengeländer und Hochbahn-Konstruktionen: Die Ästhetik... weiter





Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. "Standard" darf es in der "Gräfin" nicht schmecken
  2. Cop mit Gewissen
  3. Vorarlberger im Finale von "America's Got Talent"
  4. Martin Thür jetzt auch offiziell "ZiB2"-Moderator
  5. Abstraktionen am Seerosenteich
Meistkommentiert
  1. Walter Hämmerle wird
    "WZ"-Chefredakteur
  2. Wieder Wirbel um Ministeriums-"Journalistin"
  3. "Wiener Zeitung"-Geschäftsführer will "Gas geben"
  4. Drama um Daniel Küblböck
  5. Punkt! .


Quiz


Tilda Swinton in einem Haute Couture Kleid des Designers Schiaparelli - das sich sogar in den Schuhen und Handschuhen optisch fortsetzt.

Gruppenbild der Jury: Präsident Guillermo del Toro (4.v.l.) gewann im Vorjahr den Goldenen Löwen für "The Shape of Water". Ganz links Venedig-Chef Alberto Barbera im Gespräch mit Christoph Waltz, ganz rechts:Biennale-Präsident Paolo Barratta. Werbung für Die Single "Baby I Love You" im Magazin Billboard 1959.

Sean Godwells Entwurf einer Kapelle erinnert beim ersten Auftritt des Vatikans auf der Architekturbiennale in Venedig auf den ersten Blick an einen aufklappbaren Würstelstand. Shepard Fairey vor seinem Mural am Wiener Flughafen.


Werbung