• vom 14.09.2018, 15:51 Uhr

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Update: 14.09.2018, 17:15 Uhr

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Schonungslos, aber liebevoll




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Von Bernhard Baumgartner

  • Das kultige Magazin "Rokko’s Adventures" bekommt einen TV-Ableger - Autor Clemens Marschall im Interview.

Millionen verdient und alles wieder rausgeworfen: Schlagzeuger-Legende Ronnie Rocket. - © ORF

Millionen verdient und alles wieder rausgeworfen: Schlagzeuger-Legende Ronnie Rocket. © ORF

Autor Clemens Marschall.

Autor Clemens Marschall.© WZ Autor Clemens Marschall.© WZ

Wien. "Angefangen hat alles damit, als eines Tages die Superfilm angerufen hat und einen ganzen Stapel Hefte ,Rokko’s Adventures‘ zugeschickt haben wollte", erinnert sich Autor und Radiojournalist Clemens Marschall. Danach kam noch ein Anruf, sie wollen noch mehr Hefte. "Und dann hieß es, David Schalko will mich treffen." Der Rest ist Geschichte. Besser gesagt: Fernsehgeschichte. In vier Teilen, beginnend am kommenden Dienstag (23.25 Uhr,
ORFeins), erwacht das Synonym "Rokko" zu einem Eigenleben und geistert in "Rokko’s Adventures" durchs Fernsehen.

Die Rahmenhandlung der Doku-Comedy ist leicht erklärt: Rokko hat keine Lust mehr auf seinen öden Job beim Stadtgartenamt und nimmt Reißaus. Er landet im Prater und gerät in die Finger von Praterstrizzis. So beginnt eine wirre Reise in die dunklen Nischen Wiens, zu Kartenspielern, Bauchrednern, Exorzisten, Freudenmädchen und Musikern. Sie alle haben eines im Leben gemeinsam: Sie sind nicht auf die Butterseite gefallen und müssen sich durchs Leben schlagen. Meist mithilfe von alkoholischen Getränken. So entsteht ein präzises Porträt der Off-Seite von Wien: Von Gaunern, Gauklern und Gunstgewerblern, denen das Rot-, Gelb- und mitunter auch Blaulicht dieser Stadt nicht allzu fremd sind.


"Verbrannte Erde"
"Rokko" ist sozusagen das Alter Ego von Marschall, der vor einem guten Jahrzehnt nach Wien kam. "Aus dem Innviertel", wie er fast entschuldigend dazusagt. Schon als Student faszinierten ihn die dunklen Hinterzimmer der Lokale, in denen Menschen wohnen, die man heute kaum mehr trifft, Und die etwas zu erzählen haben. Über früher, über das Leben mit seinen Höhen, aber auch vor allem seinen Tiefen. Marschall und sein halbjährlich erscheinendes Heft "Rokko’s Adventures", das er nahezu im Alleingang produziert, wurden zum Chronisten dieser Szene. Seine Sozialporträts sind schonungslos, aber dabei stets liebevoll. Denn es sprechen nur die Protagonisten. Der Beobachter selbst enthält sich der Wertung.

Ein Vergleich mit Elizabeth T. Spira und ihren "Alltagsgeschichten" weist Marschall daher auch folgerichtig von sich. "Da werden Menschen bloßgestellt, so etwas mache ich nicht." Er merke bei seinen Recherchen, dass da auch mitunter viel verbrannte Erde hinterlassen wurde. Die Leute beschweren sich dann bei mir und sagen: "Die Spira war drei Stunden lang da und bringt dann genau die zehn Sekunden, in denen sich einer blöd aufführt." Dieses Erbe will Marschall, der unter anderem auch für die "Wiener Zeitung" schreibt, daher mit "Rokko’s Adventures" nicht antreten.

Marschall ist aber auch zunehmend ein Chronist des Wandels und des Niederganges. Als er 2016 gemeinsam mit Klaus Pichler den Text-Bild-Band "Golden days before they end" herausbrachte, waren bereits beim Druck viele der darin abgebildeten Cafés, Inns und Branntweiner längst geschlossen oder dem Erdboden gleichgemacht. Und die, die es noch gibt, schaffen es normalerweise nur dann in die Medien, wenn bei einer Streiterei über irgendein Missverständnis im Rausch das Messer wieder einmal zu locker saß. Oft ist die Ausstattung noch aus den Sechziger Jahren und manchmal kommt Marschall gar nicht schnell genug hin, um etwa eine wunderschöne, historische Schank zu retten, die schnöde in einer Mulde entsorgt wird, bevor das frei finanzierte Vorsorge-Eigentum die Wohlhabenden noch ein ganzes Stück wohlhabender macht.

Karussell der Zerstörung
Der Wandel Wiens in den letzten Jahren, das Karussell der Zerstörung, das sich immer schneller dreht: Marschall ist einer der wenigen, der die volle Härte bemerkt, mit der diese Stadt ihre dunklen Ecken entsorgt. Doch in den Ecken wohnt eine Geschichte, aus der man vielleicht noch was lernen kann, bevor sie auf dem Flötzersteig verbrannt wird.

Und so konnte auch die Mini-Serie im Fernsehen eigentlich nur zustandekommen, weil Marschall und sein Kameramann Klaus Pichler keine Unbekannten bei diesen Menschen sind, deren natürlicher Lebensraum im Austrocknen begriffen ist.

Mit Bordellbesuchen, extremen sexuellen Spielarten und Drogenreferenzen, in die der Studienabbrecher Rokko hineinschlittert, ist die Mini-Serie ins Nachtprogramm gewandert. Einmal bereits im Frühjahr war sie dem im Umbau befindlichen ORF dann doch zu heikel. Doch jetzt, nachdem alle wichtigen Posten im ORF besetzt sind, hat man offenbar genug Mut gefasst.

Das Magazin "Rokko’s Adventures" mit seinen kultigen Beilagen wird es unabhängig vom Erfolg der Miniserie weiter geben, die nächste Ausgabe ist bereits im Finish. Außer vielleicht David Schalko ruft wiedermal an.




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Medien, Fernsehen

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-14 16:00:26
Letzte Änderung am 2018-09-14 17:15:15


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