• vom 10.10.2018, 14:55 Uhr

Medien

Update: 10.10.2018, 15:19 Uhr

Message Control

"Schlampiges Verhältnis zu Propagandafotos"




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Von Eva Zelechowski

  • In einem Panel über Inszenierung und Bildpolitik wird weniger die Regierung kritisiert als die Medien.

Kein PR-Foto und trotzdem wirkungsvoll: Bundeskanzler Sebastian Kurz lässt sich gerne in der "Holzklasse" ablichten.

Kein PR-Foto und trotzdem wirkungsvoll: Bundeskanzler Sebastian Kurz lässt sich gerne in der "Holzklasse" ablichten.© APAweb / Roland Schlager Kein PR-Foto und trotzdem wirkungsvoll: Bundeskanzler Sebastian Kurz lässt sich gerne in der "Holzklasse" ablichten.© APAweb / Roland Schlager

Inszenierung, die Macht von Bildern und journalistische Sorgfalt. Das waren die zentralen Themen bei der Diskussion "Message Control durch Bilder", die am Dienstag vom Presserat und dem Presseclub Concordia veranstaltet wurde. Im Podium diskutierten Petra Bernhardt, Expertin für visuelle Kommunikation an der Universität Wien, Helge Fahrnberger, Mitbegründer des Medienwatchblogs "Kobuk", Kurier-Fotograf Jürg Christandl mit dem Sprecher der Regierung, Peter Launsky-Tieffenthal, ob die Regierung ihre Politik in ihren Bildern inszeniert.

Spätestens seit Sebastian Kurz als Bundeskanzler das höchste politische Amt im Staat bekleidet, steht der Vorwurf "Message Control", also inszenierte optische Botschaften, im Raum. Medien sollen nur gefilterte und geschickt platzierte Botschaften aus der Politik-Agenda übernehmen. Kaum jemand scheint die Umsetzung so perfekt zu beherrschen wie der österreichische Bundeskanzler, weil er um die Macht der Bilder weiß. In der digitalen Kommunikation hat er die besten Teams zusammengetrommelt. Zum Beispiel den Hausfotografen des BKA, Dragan Tatic, der "einen hervorragenden Job macht", räumte Christandl ein, aber als PR-Fotograf eine andere Aufgabe habe.

Den Vorwurf der Inszenierung wies der Regierungssprecher zurück. Kritik hagelte es aber nicht nur für die Politik und deren Inszenierungsabsichten, sondern auch für Medien. Redaktionen hätten "ein schlampiges Verhältnis zu Propagandafotos", sagte Jürg Christandl. "Pressefotos sollen Inszenierung unterlaufen, und nicht zur Imagepflege von Politikern beitragen", kritisierte der Fotograf die Übernahme von offiziellen Regierungsfotos von Seiten der Medien.

Launsky-Tieffenthal: PR-Fotos sind "Service"

"Natürlich kann man darüber sprechen, dass Fotos eine bestimmte Sprache sprechen. Das tun sie sicher", sagte der Regierungssprecher über die Macht von Bildern und das von Helge Fahrnberger präsentierte Flugzeug-Foto, das vier Tageszeitungen auf der Titelseite groß brachten: Es zeigt lächelnde Regierungsmitglieder im Flugzeug. Kurz, Strache, Köstinger und Blümel in totaler Harmonie. "Bilder können Botschaften verstärken", gab Launsky-Tieffenthal zu. Die Regierung bemühe sich um "zusätzliche Informationen", die Journalisten mit den Fotos von BKA-Fotografen erhalten sollen und nannte es "Service-Einrichtung". Bildexpertin Bernhardt sieht diese "Einblicke ins Tagesgeschäft der Politik" prinzipiell als positiv an, aber nicht, wenn sie mit "Vorgaben ans journalistische Feld" wie beispielsweise Zugängsbeschränkungen für FotojournalistInnen verbunden werden. Gibt es von einem Ereignis nämlich nur PR-Fotos, stellt man die Redaktion vor eine entweder/oder-Entscheidung zwischen Bild oder kein Bild.

Die Aufgabe von Redaktionen sei es, zu erwägen, ob man das Bildmaterial vorbehaltlich verwenden könne oder ob man zusätzlich den Kontext erklären müsse. "Denn sie wissen ganz genau, was ein gutes Foto ist", betonte Bernhardt.

Von inszenierten Fotos aus dem Bundeskanzleramt überzeugt ist Fahrnberger, der davon ausgeht, dass der Bundeskanzler nicht "Holzklasse fliegen würde, wenn es keine Fotografen gäbe". Der Instagram-Account des Kanzlers ist voll von Bildern, die ihn auf billigen Economy-Sitzen zeigen. Die Kommentare aus vielen "Daumen hoch"-Emojis zeigen: es kommt an. Kurz sei "authentisch", erklärt Launsky-Tieffenthal, er sei "bescheiden und down to earth".

Doch was, wenn diese PR-Fotos nicht nur auf Kurz‘ Social-Media-Kanälen, sondern in der Bilddatenbank der Austria Presse Agentur landen, die alle Redakteure des Landes nach Fotos für ihre Texte durchforsten? "Die Auswahl der Bilder liegt bei den Medien", gibt Fotograf Dragan Tatic zu Bedenken und schiebt die Verantwortung weg. Wenn sich Redakteure für PR-Fotos entscheiden, seien auch wirtschaftliche Gründe verantwortlich. Einen Fotografen auf Auslandsreisen mitzuschicken, koste eben, argumentiert Christandl.

Fotomotiv "Bundeskanzler erklärt allen die Welt"

Zeichnen sich solche Bild-Inszenierungen dann durch starke Komposition und Bildelemente aus, können sie viral gehen. Für die Politik ein Glücksfall: Eine dominante Figur, die durch Körpersprache dem Gegner den Marsch bläst – in heimischen Medienberichten finden sich unzählige solcher Beispiele von Sebastian Kurz mit politischen Gegnern und anderen internationalen Größen, denen er "die Welt erklärt", so der Vorwurf.

Dass Bilder zum bestimmenden Faktor der Berichterstattung geworden seien, wie ein Teilnehmer aus dem Publikum, anmerkt, habe die türkise Bewegung begriffen, aber die Medien noch nicht. So könnte ein Fazit des "Message Control"-Panels lauten. Ganz hoffnungslos sei die Situation aber nicht. Fotograf Matthias Cremer arbeitet seit Jahrzehnten für "Der Standard" und hat schon häufig politische Momente in gelungenen Pressefotos festgehalten. Für ihn seien Inszenierungen "eine klassische Einladung diese zu dechiffrieren".

Spuren von Selbstreflexionen und positive Entwicklungen gibt es allerdings auch. Ein 2017 veröffentlichter "Kobuk"-Bericht führte dazu, dass die APA Bildquellen deutlicher deklariert, damit Journalisten PR- von Agenturfotos besser unterschieden können. Und wenn PR-Fotos dann doch ihren Weg in die Zeitung finden, ist eine korrekte Kennzeichnung die Lösung? Dieser feine Unterschied ist für die meisten Leser, die sich außerhalb der Medien-Blase befinden, wahrscheinlich nicht ersichtlich. "Eigentlich sollten PR-Bilder nicht journalistisch verwendet werden", so Fahrnberger. Es sei, wie Petra Bernhardt betont, "noch ein langer Weg."





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-10-10 14:14:00
Letzte Änderung am 2018-10-10 15:19:34


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