Lech/Wien. Seine Analysen sind beunruhigend treffsicher: Wir erleben eine konstante Verstörung durch Vernetzung, beobachten einen beängstigenden kommunikativen Klimawandel, der als eine große digitale Gereiztheit und rauschhafte Nervosität zu erleben ist. Doch der deutsche Medienwissenschafter Bernhard Pörksen zeigt sich nicht nur als präziser Gegenwartsanalyst, er hat auch einen Gegenentwurf parat, der einen Weg aus der kollektiven Erregung weisen kann. Die "Wiener Zeitung" sprach mit Pörksen am Rande des Philosophicums Lech über seinen utopischen Entwurf einer redaktionellen Gesellschaft.

"Wiener Zeitung": Jeder ist heute medienmächtig, lautet Ihre zentrale Analyse. Jeder sollte daher medienmündig sein. Wann ist das jemand, medienmündig?

Bernhard Pörksen: Wenn er weiß, wie Journalisten arbeiten. Wenn er in einem möglichst hellen Bewusstsein über die Folgen der eigenen Kommunikation nachdenken kann. Wenn er weiß, welche ungeahnten Möglichkeiten, aber auch entsetzlichen Folgen ein Kommunikationsanstoß in den digitalen Wirkungsnetzen hat; wenn er die Prinzipien des guten Journalismus beherzigt - prüfe erst, publiziere später, sei skeptisch, höre auch die andere Seite, geh’ deinen Vorurteilen nicht auf den Leim, arbeite transparent und nicht zu schnell. Dann ist Medienmündigkeit gegeben: mit einem Bewusstsein für die möglichen Folgen der eigenen Kommunikation und dem Bemühen, vor diesem Hintergrund das Richtige zu tun.

Jetzt gelingt es ja mitunter nicht einmal Medienprofis, ihrem eigenen Arbeitsethos gerecht zu werden. Die Verlockungen des Schnellschusses, des Klicks sind enorm. Wie soll da ein nicht geschulter User diese Mündigkeit erreichen?

Dazu braucht es ein Schulfach, in dem Medienmündigkeit auf der Höhe der digitalen Zeit eingeübt wird. Medien- und Machtanalyse, Auseinandersetzung mit medialer Praxis. Was ist eine seriöse Quelle, was ist es nicht? Die Grundlagen des guten Journalismus sollten zu einem Element der Allgemeinbildung werden in dieser Redaktionellen Gesellschaft. Aber diese Gesellschaft ist ein Ideal. Der real existierende Journalismus wird diesem Ideal auch nicht immer gerecht. Es gibt Meutenverhalten, übertriebene Skandalisierung, Falschnachrichten, nicht vertretbare Zuspitzungen. Aber wird ein Ideal schon deshalb wertlos, weil es nicht umgesetzt wird? Ich denke nicht. Dieses Ideal, dass guter Journalismus zu Allgemeinbildung wird, könnte einen neuen Dialog anregen zwischen dem Publikum und Medienmachern. Wir brauchen so etwas wie ein Qualitäts- und Öffentlichkeitsbewusstsein. Viele Menschen wissen ja gar nicht, wie im Journalismus gearbeitet wird, wie teuer Qualität ist, wie wichtig es ist, seriöse Berichterstattung zu unterstützen.


Was machen in einer medienmündigen redaktionellen Gesellschaft die Journalisten?

Die sind natürlich weiter nötig. Wer hat schon Zeit, umfassend zu recherchieren? Es braucht den investigativen Report, es braucht den Rückhalt einer Redaktion, um Korruption aufzudecken. Es braucht die Auslandsberichterstattung. Die sogenannten Laien sollen ja keine professionellen Journalisten werden. Aber sie sollen ein redaktionelles Bewusstsein entwickeln. Der gute Journalismus wird dabei wichtiger denn je. Als Ideal einer publizistischen Praxis und als Erklär-, Einordnungs- und Verifikationsinstanz. All dies wird keineswegs überflüssig. Doch der publizistische Dialog wird breiter - und niveauvoller, das wäre meine Hoffnung.

Was passiert mit jenen, die diese Medienmündigkeit nicht erlangen? Werden sie von der Debatte ausgeschlossen? Oder reguliert sich die redaktionelle Gesellschaft selbst?

Eine Werte- und Mündigkeitserziehung löst da schon sehr viele Fragen. Die allerletzte Instanz, die aber nur den kleinsten Teil problematischer Kommunikation abdeckt, ist das Strafrecht. Das reicht aber völlig aus.

Wir brauchen also keine neuen Regeln für ein digitales Miteinander?

Wir müssen die bestehenden nur ummünzen und verallgemeinern. Wir müssen sie ernst nehmen, an den Schulen verankern und praktizieren. Natürlich gibt es in einer Demokratie das Recht, Bildungsangebote zu ignorieren. Aber wenn eine größere Zahl an Menschen auf diesen Standards besteht, dann wird demokratisches Bewusstsein zu einer Art Lebenspraxis, einer Form des Miteinanders, zur gelebten Norm.

Der Ruf nach Bildung taucht immer dort auf, wo man sonst keine Lösungen sieht - von der Integration über Suchtprävention bis zur Geschlechtergerechtigkeit. Überall schreien Experten nach dem Zaubermittel Bildung. Überfordern wir da nicht ein schon überlastetes System?

Ich weiß wirklich nicht, was in der Medienfrage die Alternative ist. Die Gefahr wäre, dass man den Weg der Bevormundung und der Gesinnungsvorgabe beschreitet. Das wäre fatal, antiaufklärerisch und tendenziell antidemokratisch. Bildung ist da wirklich eine wunderbare Utopie. Das Gefühl der Ausweglosigkeit entsteht nur, weil wir es gar nicht versuchen; weil die Größe der Bildungsaufgabe gar nicht ernst genommen wird, weil wir einer technokratischen Verengung des Denkens über besseres WLAN oder Tablets für alle Schüler debattieren - und nicht über die Werte der medialen Praxis.

Wir reden in Europa über Uploadfilter und eine Digitalsteuer. Ist der Staat gefordert, in diesem gefühlt rechtsfreien Raum Internet neue Regulative zu schaffen?

Der Staat ist in jedem Fall gefordert, die Autonomie des unabhängigen Journalismus mit großer Unbedingtheit zu sichern. Da geht es um Geld und um politische Haltung. Es gibt Anlass zu großer Sorge, zu beobachten, dass wir auf der Straße oder der Regierungsbank die Unabhängigkeit von Medien attackieren.

Aktuell beobachten wir, dass das Vertrauen in Institutionen erschüttert ist - von der Politik über Universitäten bis zu den Medien. Was können diese tun, um das Vertrauen zurückzuerobern?

Autoritäten insgesamt stehen vor einer gigantischen Herausforderung. Sehr viel wird sichtbar, wird öffentlich. Man bekommt jede Menge Belege geliefert, um Autoritäten zu verdammen. Ein Weg scheint mir zu sein, etwa für den Journalismus, dass er sich dialogischer und transparenter präsentiert und verhält. Transparenz ist die neue Objektivität, hat der amerikanische Medienforscher Jay Rosen einmal gesagt. Das bedeutet: sichtbar zu machen, wie man arbeitet, Fehler offenzulegen und eigene Zweifel zu artikulieren.Und in der Politik? Es gibt da sicher kein Patentrezept. Aber letztlich geht es auch hier darum, eine andere Form des Zuhörens, der Nahbarkeit, der Offenheit und der Dialogorientiertheit zu praktizieren. Das scheint mir die einzige Lösung, um dem populistischen Geschrei zu begegnen. Die Selbstabschottung im Inszenierungsgeschäft, die wir aktuell beobachten, hilft da nicht.

In der digitalen Überreiztheit erleben wir auch ein Diffundieren von Verantwortung und damit Kontrolle. Auf der einen Seite steht der Kontrollverlust des Einzelnen, auf der anderen Seite mehr Kontrolle von außen. Wie können wir hier Verantwortung neu lokalisieren?

Man kann Verantwortung festmachen an den Folgen, für alles, was ich auslöse. Es ist in den digitalen Wirkungsnetzen sehr schwierig, so zu denken, weil sich völlig neue Asymmetrien zeigen: von Anlass und Effekt, von Ursache und Wirkung. Oder man kann Verantwortung an den Absichten festmachen. Was mir nötig erscheint, ist ein möglichst waches Bewusstsein für die eigenen Intentionen. Diese Wertebildung gilt es zu fördern. Ob ich dann kontrollieren kann, was aus meinen Anstößen im digitalen Raum wird, daran habe ich meine Zweifel.

Was passiert, wenn wir als Gesellschaft nicht in flächendeckende Medienmündigkeit investieren?

Die Gefahr ist eine Art Aufklärungs- und Bildungspessimismus, der das potenziell mündige Gegenüber vorschnell verloren gibt. Die Gefahr ist, dass die großen Vereinfacher in der Gestalt von Populisten, die Öffentlichkeit kapern und weiter Gelände gewinnen. Insofern müssen wir lernen, die Möglichkeit von Aufklärung mit neuer Begeisterung zu denken.