Wien. Intercity-Ulf reicht’s. Der Streit um Rüdigers ICE3 "auf niedrigstem Niveau" hat das Fass für den "letzten echten Eisenbahner" zum Überlaufen gebracht. Jetzt sagt er: "Endstation. Alles Aussteigen" und greift zum äußersten Mittel: Er tritt "schweren Herzens" aus dem Märklin Forum aus. Die Hetze in dem Modelleisenbahn-Forum kann er nicht mehr ertragen. "Es lässt mich nicht los. An Schlaf ist nicht zu denken", gibt er seinen Twitter-Followern noch mit auf den Weg. Der Tweet des Podcasters Ulf ging am Mittwoch quer durch Twitter-Deutschland. Wie wird es ohne Ulf weitergehen? Was kommt da noch an Abrechnung - immerhin hat er 243 Tweets angekündigt. Und: Ist das eigentlich ein Fake? Ein Satire-Account? Und: Ist selbst das nicht völlig egal?

Denn "Ulf", ob real oder nicht, persifliert ein Problem, das sich immer mehr zuspitzt und sich nahtlos in die Debatte um Hass im Netz einfügt: Das Internet, vor dem man zu Beginn noch staunend ob seiner vielen Möglichkeiten stand, ist irgendwo falsch abgebogen. Mitunter wähnt man sich in einem gigantischen Boxring, wo nur darauf gewartet wird, gegen irgendwen eine ordentliche Gerade auszuteilen.

Was in den Newsgroups begann, sich in den Foren nahtlos fortsetzte und auch die Kommentarspalten in den Online-Zeitungen füllte, erreichte auf Facebook und Twitter seinen traurigen Höhepunkt: Hier kann die dunkle Seite hemmungslos ausgelebt werden. Wenn einer etwas sagt, was einem nicht in den Kram passt, kann fröhlich zugelangt werden. Und schon kommen sie aus allen Richtungen herbei, (Jö! Eine Schlägerei!), man findet sich sogleich in jener berühmten Szene wieder, die in keinem "Asterix"-Comic fehlen darf: Das ganze Dorf prügelt sich, bloß weil einer gewagt hat, nachzufragen, ob die Fische auch frisch sind. (Was bildet sich der Koffer eigentlich ein!?)

Debattenkultur ist ruiniert

Es sieht so aus, als hätte das Netz ganze Arbeit darin geleistet, das Schlechteste in uns hervorzuholen. Zu Beginn, mit seiner scheinbaren Anonymität, getarnt durch Nicks und Avatare, hat es die Beißschwelle enorm gesenkt. Musste man in der realen Welt damit rechnen, dass ein Angriff Folgen hat (am Stammtisch etwa), war online alles möglich: Eine Ahndung blieb in der Regel aus, weil ja alles anonym war. Dass das Netz natürlich mitnichten "anonym" ist, hat sich zwar mitunter herumgesprochen. Doch auch die Einführung von Klarnamen konnte die ruinierte Debattenkultur auch nicht mehr heben.