Kaum einer wütete so elaboriert wie er: Karl Kraus prangerte pointiert jene an, die es in seinen Augen verdient hatten. Besonders stark loderte seine Wut gegen die Journalisten, die "Tintenstrolche", die "Preßköter" - die Vielfalt der Wortneuschöpfungen misst die Größe seines Hasses. Seine Kritik galt vor allem Korruption und Propaganda.

Auch heute hat die Medienlandschaft mit Vertrauensentzug zu kämpfen, wie die aktuelle Debatte um Fake News und Soziale Medien zeigen. Die "Wiener Zeitung" veranstaltete am Montag mit der Wien Bibliothek im Rathaus eine Podiumsdiskussion zu "Kraus’ Medienkritik im digitalen Zeitalter". Dabei setzten sich die Kraus-Experten Gerald Krieghofer und Katharina Prager (sie hat die aktuelle Kraus-Schau in der Wienbibliothek kuratiert), Judith Belfkih ("Wiener Zeitung") und Hans Rauscher ("Der Standard") mit der Aktualität des Kraus’schen Misstrauens auseinander.

Der Begriff Fake News ist derzeit omnipräsent. Zum einen verbreiten unseriöse Medienportale Falschmeldungen, oft mit politischem Kalkül. Zum anderen dienen Fake News als vermeintliches Totschlag-Argument gegen eine freie, kritische Presse - ebenfalls politisch motiviert. Karl Kraus hätte sich gar nicht vorstellen können, was da noch alles kommt, meint Judith Belfkih. Allerdings gibt sie auch zu bedenken, dass bereits Kraus selbst mit Falschmeldungen gespielt hat. Er schickte die sogenannten "Grubenhunde" an Zeitungsredaktionen. Gingen sie ihm auf den Leim und druckten die falschen Geschichten, überführte er sie damit ihrer Nachlässigkeit.

Das zeigt schon, dass der Kraus’sche Hass auf die Journalisten vor allem von einem getrieben war: dem Streben nach Wahrheit. Laut Belfkih fungiert der heutige Hass auf die Medien aber entgegengesetzt, als Waffe gegen wahrheitsgetreuen, kritischen Journalismus. Während Kraus überwiegend gegen Boulevardzeitungen polemisierte, feuert heute etwa Fake-News-Paradeplärrer Donald Trump gegen Qualitätsmedien wie die "New York Times" oder CNN.

In der Verbrüderung mancher politischen Parteien mit dem Boulevard sieht Hans Rauscher heute auch in Österreich Parallelen zu den 1920er Jahren. Diskreditierung der freien Presse sind längst keine Erfindung des 21. Jahrhunderts. Dass es heute besonders schlimm stünde um die Wahrheit, stimmt also nicht: "Es war immer schlimm", sagt Gerald Krieghofer. "Es wurde nie so viel gelogen wie im Ersten Weltkrieg oder 1933." Was sich verändert hat, sind die technischen Möglichkeiten.

Von Karl Kraus lernen

Durch die Digitalisierung wandelte sich vor allem die Macht der Medien, die Kraus zu seiner Zeit noch stark kritisiert. "Die Medienmächtigkeit, die er anprangert, liegt nicht mehr nur bei der Presse, sondern hat sich ausgeweitet und liegt bei jedem Einzelnen", sagt Belfkih. Die Medien selbst seien gerade dabei, ihre Rolle in diesem neuen Feld zu finden. Wo Kraus sie verorten würde, können wir nur vermuten. Hans Rauscher hofft angesichts des digitalen Informationsgewirrs auf eine "Renaissance der Kraus-Lektüre". Für Judith Belfkih wäre es schon wünschenswert, "wenn all die, die eine Medienmächtigkeit besitzen, auch eine Medienmündigkeit hätten".

Was kann man heute von Kraus-Texten lernen? Laut Gerald Krieghofer vor allem das richtige Lesen, das Ausmachenkönnen von Phrasen, eine gesunde Skepsis gegenüber dem, was uns beeinflusst.

Damit am Ende nicht wieder die Frage steht, die Kraus an den Schluss seiner Texte aus 1933 stellt: "Wie konnte das geschehen?" Dafür braucht es aber nicht nur den eigenen kompetenten Umgang mit den Medien, sondern einen vertrauenswürdig-qualitativen Journalismus. Denn wie Krieghofer sagt: "Eine Demokratie braucht verantwortungsbewussten Journalismus - da kann Kraus sagen, was er will."