Wien. Im Jahre 1940 erhielt ein Telekommunikations-Unternehmen, das damals noch unter dem Namen Motorola firmierte, von der US-Regierung den Auftrag, ein mobiles Funksprechsystem für das Militär zu entwickeln. Ein Jahr zuvor war der Zweite Weltkrieg ausgebrochen, und obwohl der offizielle Kriegseintritt der USA mit den Angriffen von Pearl Harbor noch zwei Jahre dauern sollte, rüstete das War Department schon für den Krieg. Die Ausrüstung, welche die Motorola-Ingenieure für die US Signal Corps schufen, war eine recht unhandliche Apparatur: Die Soldaten mussten einen 16 Kilogramm schweren Rucksack schultern, in dem ein Radioempfänger- und Sender integriert war und an dem eine Antenne befestigt war. Mit einer Art Telefonhörer konnte die Truppe in einem Frequenzgerät von 40.0 bis 48.0 MHz mit der Einsatzleitung kommunizieren. Ein Handy als Rucksack.

Das tragbare Funkgerät der Reihe SCR-300, das erstmals großflächig bei der Landung der US-Truppen in der Normandie eingesetzt und wegen seiner Praktikabilität kurz "walkie talkie" genannnt wurde, markierte einen Wendepunkt in der Kommunikationstechnologie des Krieges. Die kanadische Tageszeitung "Toronto Star" jubilierte in einem Artikel aus dem Jahr 1943: "Für Infanteristen ist das Walkie-Talkie, als wenn man einem (American-)Football-Team einen Quarterback gäbe. Vor dem Walkie-Talkie würden die Bataillone in der heute schnell beweglichen Kriegsführung wie ein Football-Team ohne den signalgebenden Quarterback sein, weil die Kommunikationslinien inadäquat oder eingebrochen sind." Wer weiß, wie der D-Day ausgegangen wäre, hätte es damals kein Walkie-Talkie gegeben.

In der Folge wurde die Technik kleiner und leichter. Das Nachfolgemodell SCR-536, das Motorola unter dem Namen "Handie-Talkie" (daher die im Deutschen gebräuchliche Bezeichnung "Handy") patentieren ließ, wog nur noch 2,3 Kilogramm. Nach dem militärischen Erfolg setzte sich das Walkie-Talkie wie auch die Militärtechnologien GPS und Internet auch in der zivilen Nutzung durch. 1973 führte Marty Cooper für Motorola das erste Handy-Gespräch - das Mobiltelefon wog immerhin noch stolze 1,1 Kilogramm.

Jahr 0 der Sprachrevolution

Motorola ist inzwischen selbst Geschichte. Die Konsumenten-Sparte Motorola Mobility wurde 2012 an Google und später an Lenovo verkauft, die Sparte Motorola Solutions vertreibt Funksysteme und Bodycams an Polizeibehörden. Das Walkie-Talkie als Hardware ist in der Kommunikation weitgehend vom Smartphone verdrängt und spielt allenfalls noch als Kinderspielzeug eine Rolle. Trotzdem wäre es verfrüht, das Funkgerät auf dem Müllhaufen der Technikgeschichte zu verorten. Das Walkie-Talkie könnte in den nächsten Jahren nämlich eine ungeahnte Wiederkehr erleben. Der Grund: Sprachsteuerung.