"Die meiste Zeit meines Lebens bin ich auf zwei Zirkuspferden - Architektur und Stadtplanung - gleichzeitig geritten. Aber das Zusammenhalten von zwei Tieren, die seit fünf Jahrzehnten auseinanderdriften, war eine holprige Angelegenheit." Genau dieser selbst formulierte herausfordernde Ritt ist es, der die Arbeit von Denise Scott Brown auszeichnet.

Die heute 87-jährige in den USA lebende und wirkende Architektin und Soziologin hat mit der Verschränkung ihrer beiden Disziplinen die Entwicklung der Architektur in den vergangenen 50 Jahren maßgeblich geprägt. Dass dies nicht einmal unter Architektinnen und Architekten flächendeckend bekannt ist, schmälert ihren Einfluss nicht. Das Architekturzentrum Wien (AzW) widmet Scott Brown, dieser geheimen Ikone der Architektur, deren Schriften nach wie vor als eine Art Geheimtipp gelten, die erste umfassende Einzelausstellung.

Im männlichen Schatten

Geschuldet sei die mäßige Bekanntheit ihres Namens, erläutert die AzW-Direktorin Angelika Fitz, dem Bestreben der Architektin, gemeinschaftlich zu arbeiten. So gründete sie mit ihrem Partner und Ehemann Robert Venturi, der vor zwei Monaten verstarb, in den 1960er Jahren das Architekturbüro VSBA, das mit mehr als 140 wichtigen Designpreisen ausgezeichnet wurde. Gemeinsam mit Steven Izenour verfassten die beiden den Klassiker "Learning from Las Vegas", in dem sie anhand des Las Vegas Strips die Symbolik, die Autostadt und deren gesellschaftliche Auswirkungen analysierten. Die Lektionen des Hässlichen verstehen, vom Alltäglichen lernen, lautete die Devise.

Denise Scott Brown sah Urbanismus als zentrales Forschungslabor für Architektur. Diesen Gedanken aufgreifend haben die Gestalter der Schau, ihr früherer Mitarbeiter Jeremy Tenenbaum und AzW-Kuratorin Katharina Ritter, die aktuelle Ausstellung als eine Art Piazza gestaltet. Anstelle von Vitrinen sind die Wände mit Wandtableaus von angedeuteten Wiener Schaufenstern bestückt, die jeweils einen Aspekt in Leben und Werk von Scott Brown behandeln. Der zentrale "Brunnen", ein Shop sowie ein Café laden zum Flanieren und Schmökern ein.

Chronologie oder scharf abgegrenzte Themen gibt es nicht. Besucher sind vielmehr eingeladen, durch "Downtown Denise Scott Brown" zu schlendern, sich über Puzzlesteine ihr Leben und Wirken zu erschließen. Neben Fotos, die die Architektin zeigen oder von ihr gemacht wurden, setzt die Schau ausschließlich auf Zitate der Autorin. Hier wird nicht über Denise Scott Brown geschrieben oder gesprochen: Hier spricht sie selbst. Das macht die Schau zu einem intimen, direkten und bunt aufbereiteten Interview. Nachteil dieses dicht bepackten Konzeptes: Es fordert ein aktives Recherche-Interesse. Vorgekaut und in gut verdaulichen übersichtlichen Portionen serviert wird hier nichts.

Verdeckte Pioniertat

Um sich in der Schau zurechtzufinden, hat Tenenbaum ein Buch verfasst, das sich auf höchst unterhaltsame Weise als Reiseführer durch Scott Browns Schaffen versteht - einziger Wermutstropfen: Das Buch ist nur auf Englisch erhältlich. Überhaupt ist die Muttersprache der Architektin in der Ausstellung sehr dominant. Die deutschen Texte muss man auf den dicht bedruckten Wänden oft suchen. Lässt man sich jedoch auf das Erforschen ein, überrascht die Schau mit viel Witz und überraschenden Einblicken in das Leben einer bemerkenswerten Pionierin.

Das kreative Arbeiten im Kollektiv war einer der Leitgedanken in Denise Scott Browns Leben. Ein Konzept, das heute zum Selbstverständnis mehrerer Branchen gehört, in den 1960 und 70er Jahren jedoch - nicht zuletzt - am "Guru-Status" Venturis, wie seine Frau es nannte, scheiterte. Er überlagerte das Gemeinsame allzu oft. "Ihre Lebensleistung lässt sich nicht unbedingt an einem Gebäude festmachen", so Fitz, "sondern an ihrer Art Architektur zu sehen und zu denken." Im lange dominierenden Star-System der Architektur ging ihr Name dabei oft unter. Den renommierten Pritzker-Preis etwa erhielt Robert Venturi 1991 allein.

Diese "frühe Missachtung war belastend", bekennt Denise Scott Brown. Und greift abermals zu einer Pferde-Analogie: "Bob und ich sind zwei Arbeitspferde, nicht ein Pferd und ein Pony."