Dass im frühen 21. Jahrhundert die Bedeutung von Religionen wieder zunehmen könnte, hielten viele für unwahrscheinlich. Das stärkere Auftreten des Islam, insbesondere des politischen Islam, ist aber ein Faktum. Ein Buch, das sich mit "Jesus im Koran" befasst, verdient daher Interesse, zumal es der islamische Theologe Mouhanad Khorchide und der katholische Theologe Klaus von Stosch gemeinsam geschrieben haben. In 108 Versen in 15 verschiedenen Koran-Suren wird Jesus direkt erwähnt, an vielen weiteren Stellen wird auf ihn angespielt.

In der Einleitung nennen die Autoren drei Ziele für ihr Buch. Sie wollen "den Streit um Jesus im Koran historisch nachzeichnen und überlegen, wie seine präzise Aufarbeitung zu einem produktiven Miteinander von Christen und Muslimen heute beitragen kann". Ferner geht es ihnen darum, "welche große hermeneutische Bedeutung die Auseinandersetzung mit der Christologie für ein adäquates Verstehen des Koran hat". Und drittens will das Buch "Perspektiven aufzeigen, wie Christen ihren Glauben an Jesus als den Christus durch eine Auseinandersetzung mit dem Koran vertiefen und reinigen können".

Verschieden, nicht gegensätzlich

"Der andere Prophet" ist zwar wissenschaftlich geschrieben und enthält viele Fachausdrücke, stellt aber keine trockene, sondern eine für religiös interessierte Leser überaus spannende Lektüre dar. Das gilt zum Beispiel für die muslimische Sicht der Jungfrauengeburt oder der Kreuzigung Christi. Bis auf die abschließenden Schlussfolgerungen, die sowohl aus christlicher als auch muslimischer Sicht gezogen werden, ist das Buch eine Gemeinschaftsarbeit. Was der Koran zurückweise, so Khorchide in seinem bemerkenswerten Schlusswort, "ist jede Form der Vergöttlichung Jesu". Um eine solche gehe es aber aus seiner Sicht dem Christentum gar nicht, "sondern um den Glauben, dass in Jesus Christus Gottes Wort erfahrbare Wirklichkeit werden will". Insofern bestehe "lediglich eine produktive Verschiedenheit beider Religionen, nicht aber ein unversöhnlicher Gegensatz".

Es ist zu befürchten, dass noch viel Zeit vergehen wird, bis die in diesem Buch geleistete Pionierarbeit für eine friedliche Verständigung zwischen Muslimen und Christen breitere Anerkennung findet. In dieser Beziehung sind einzelne Theologen und Gläubige ohne Scheuklappen schon weiter als jene Demagogen, die mit Religion Machtspiele betreiben.