Wenn die Männer ihre Krawatten und Gürtel in Empfang genommen haben, die Frauen ihre Negligés und Bügeleisen, die Kinder ihre Rechenmaschinen und Wanderschuhe, die Großmutter ihr Strickzeug ausgepackt hat, wenn Ochs und Esel endlich zur Ruhe kommen und die Engel wieder für ein Jahr davongeflogen sind, dann beginnt die wirklich stillste Zeit des Jahres: Zwischen Weihnachten und Neujahr kann man sogar in der Stadt an manchen Orten erfahren, was Stille bedeuten kann. Obwohl: Stille? Ist Stille überhaupt möglich?

Szenenwechsel. Die Straßenbahn rumpelt vorbei an einem Institut, das auf einem Schild seinen besonderen Dienst anpreist: "Schweben in absoluter Stille".

Schweben in Salzsole

"Floating" ist der Fachausdruck, englisch, wie heute üblich bei Fachausdrücken. Für Körper und Psyche sei es ideal, es mildere Muskelverspannungen, baue Stress ab und so weiter. Man schwebt in einer körperwarmen Salzsole, ähnlich wie bei einem Bad im Toten Meer, und gerät dabei in einen meditativen, tiefenentspannten Zustand.

Die wohltuende Wirkung sei unbezweifelt. Nicht aber die "absolute Stille".

Wenn keine medizinischen Ursachen vorliegen, gibt es keine Möglichkeit, absolute Stille zu erfahren.

Der Klang ist in der Welt, und er ist überall. Der Klang konturiert die Stille - ganz so, wie die schwarzen Striche einer Bleistiftzeichnung die Formen umreißen und der Betrachter im Geist alles ergänzt, was der Künstler ausgespart hat.

So ist es auch mit der Stille. Steht man allein mitten auf einem Feld, nimmt man das Geräusch des Windes wahr. Im Sommer ruft ein Vogel oder surren im Sonnenschein die Insekten. Im Regen hört man die Tropfen fallen, im Winter das leise Zischen der Schneeflocken. Im Wald knarren die Äste und lispeln die Blätter, am Strand schmatzen die Wellen, und wer hoch oben auf dem Gipfel eines Berges gestanden ist, weiß, dass auch dort etwas zu hören ist: Der Wind wird es sein, der über dem schroffen Gestein seine Tonlagen ändert, und bei völliger Windstille geschieht dort dasselbe wie in der vermeintlichen Stille der Katakomben (oder beim Floating): In den Ohren stellt sich ein Grundrauschen ein, das Pochen des eigenen Blutes.

Das ist gut so, denn absolute Stille würde den Tod bedeuten. "Todesstille fürchterlich!", schreibt denn auch Johann Wolfgang von Goethe in "Meeresstille". Geräusch und Klang aber ist Leben.

Noch einmal Goethe: Im wunderbarsten und stillsten Gedicht, das je in deutscher Sprache geschrieben wurde, hat er nicht auf das Geräusch verzichtet: "Über allen Gipfeln / Ist Ruh, / In allen Wipfeln / Spürest du / Kaum einen Hauch; / Die Vögelein schweigen im Walde. / Warte nur, balde / Ruhest du auch", dichtet er und schreibt "kaum einen Hauch", nicht "keinen Hauch".