Maler, Grafiker, Sänger, Balletttänzer - Arik Brauer, der diesen Freitag seinen 90. Geburtstag feiert, ist ein künstlerisches Multitalent, auch wenn er selbst betont: "Ich verstehe zu viel von Musik, um mich für einen guten Musiker zu halten." Zu seinen Verdiensten gehört jedenfalls neben der Mitbegründung der sogenannten Wiener Schule des Phantastischen Realismus auch jene des Austropop. Als "Austropopper" hat sich Brauer allerdings nie gesehen. Er wollte damals einfach kritische Lieder singen. "Diese Liedtexte sind teils zu unserem großen Leidwesen aktuell geblieben." Dass Stücke wie "Sie ham a Haus baut" oder "Hinter meiner, vorder meiner" richtige Volkslieder geworden sind, freut ihn aber im Rückblick schon.

Eine Antisemitin rettete
das Ottakringer Judenkind

Begonnen hat das Leben des Erich Brauer (Arik nannte ihn erst seine Frau Naomi) am 4. Jänner 1929 in Wien. In Ottakring wuchs er als Sohn einer russisch-jüdischen Handwerkerfamilie auf und erlebte den Holocaust in der eigenen Familie mit: Sein Vater wurde 1944 in einem KZ in Lettland umgebracht. Im März 2018 erzählte Brauer im Ö3-"Frühstück bei mir", wie er selbst überlebt hatte: "Ich musste Zwangsarbeit leisten und im Rinnsal gehen, habe den Judenstern getragen. Gerade meine Nachbarin, die bekennende Antisemitin war, versteckte mich am Klo, als die SS-Offiziere unsere Wohnung durchsuchten. Sie hat mir das Leben gerettet."

Sein Judenstern liegt bis heute im Wohnzimmer seiner Villa in Wien-Währing in einem Regal: "Er ist Teil meiner Lebensgeschichte." Mit seinen Töchtern Timna, Talja und Ruth konnte er nie über den Holocaust sprechen, "aber jetzt, mit meinen Enkeln, rede ich viel darüber; sie haben viele Fragen". Wenn er an die NS-Täter von damals denkt, "erfüllt mich tiefe Verachtung". Trotzdem dürfe man deren Nachkommen "nicht schuldig machen", mahnt Brauer. Es ärgert ihn auch, wenn er heute Stimmen hört, die sich angesichts der politischen Lage an die 1930er Jahre erinnert fühlen. "Jemand, der mit dem Wort Nazi herumfuchtelt, weiß nicht, wovon er spricht", sagte Brauer jüngst in einem Interview mit der Austria Presse Agentur. "Das kann man nicht vergleichen. Heute wird jemand ärmer, weil er kein Geld hat, um Benzin zu kaufen. Wir sind als Kinder barfuß in die Schule gegangen. Die Kinder hatten Hunger nach Brot, wie in Kalkutta heute."

Im Gedenkjahr 2018 schlug der Holocaust-Überlebende in Richtung FPÖ vergleichsweise versöhnliche Töne an. Das heißt aber nicht, dass er ihre Politik gut findet. Vor allem die negative Haltung der Blauen gegenüber der EU stört ihn. Auch ihre Asylpolitik hält er für falsch: "Die FPÖ versucht, durch Belästigen und Nadelstiche zu erreichen, dass die Menschen zurückfahren oder erst gar nicht kommen - das wird nicht sein." Kein Europäer könne sich die Situation vorstellen, aus der die Flüchtlinge kommen. "Sie flüchten vor sich selbst. Vor ihrer eigenen, steckengebliebenen Zivilisation." Er selbst, meint Brauer, würde wahrscheinlich genauso handeln wie die muslimischen Einwanderer. Dennoch warnt er, dass mit ihnen der Antisemitismus in Europa neuen Aufschwung bekomme. "Nicht, weil das böse Menschen sind, sondern weil sie ein Problem mit den Juden haben. Die meisten arabischen Länder haben keine Landkarte, wo Israel vorkommt."