Ein früher Vertreter der Kalsarikänni-Bewegung? Zumindest seine Hose hat Jean-Paul Belmondo schon ausgezogen, und so wie er schaut, kann sein Drink auch nicht weit sein. - © Gamma-Rapho via Getty/Daniel Simon
Ein früher Vertreter der Kalsarikänni-Bewegung? Zumindest seine Hose hat Jean-Paul Belmondo schon ausgezogen, und so wie er schaut, kann sein Drink auch nicht weit sein. - © Gamma-Rapho via Getty/Daniel Simon

Es ist gerade wieder die perfekte Zeit. Draußen schneit es flauschige Flocken, drinnen macht man es sich mit Kaschmirdecke und Kerzenschein gemütlich. So ungefähr lautet die Devise des dänischen Behaglichkeitstrends Hygge. Der hat seit einigen Jahren gewaltig Karriere gemacht - von den Ratgeberbuchtischen beginnend bis in die Dekoabteilungen der Einrichtungshäuser. Gibt man heutzutage in der Bilderteilplattform Instagram das schmucke Stichwort "interiorinspo" ein, um sich Inspirationen für die Inneneinrichtung zu holen, erwartet einen eine wenig abwechslungsreiche Palette. Der "Scandi"-Stil ist eine überwältigende Macht in diesem Hipsterreich: Kaum ein Foto ohne helles Holz, unter oder auf dem ein Schaffell ruht. Knuffige Wolldecken, mollige Berberteppiche, dicke Socken, Hauptsache weich - man mummelt sich ein im Kuschelkokon der eigenen vier Wände.

Achtsamkeits-Biedermeiering

Im Ratgeberkatalog zum Thema "Wie kopiert man skandinavisches Glück?" ist bereits seit vergangenem Sommer auch Finnland vertreten. "Sisu" vereint demnach Beharrlichkeit, Ausdauer, Kampfgeist, Sturheit, Kraft und Geduld - und ist angeblich der Grund, warum die Finnen den Glücksindex 2018 anführen.

Je nun. Es geht auch weniger spießig. Dem ganzen flaumigen Achtsamkeits-Biedermeiering setzt eine ganz andere finnische Philosophie eine bodenständige Wellness-Variante entgegen. Kalsarikänni ist das Hygge Finnlands, und es lässt sich recht einfach nachmachen. Denn Kalsarikänni erzählt "Vom großen Spaß, sich allein zu Hause in Unterwäsche zu betrinken".

Nun liegt, wenn man den finnischen Humor kennt, nahe, dass sich hier jemand einen Spaß erlaubt hat. Aber so platt ist die Angelegenheit nicht, sagt Miska Rantanen, der Autor des Kalsarikänni-Buchs. Auf die Frage, ob er das Wort und seine Bedeutung schlechthin erfunden habe, präzisiert er: "Das Wort gibt es im Finnischen sehr wohl, ich habe es zum ersten Mal in den 90er Jahren gehört. Damals bezog es sich auf ältere Herren, die sich ernstlich in ihren vier Wänden besaufen. Das waren bedauernswerte, hundeelende Menschen. Über die Jahrzehnte hat sich die Bedeutung aber verschoben. Heute wird der Begriff als eine Art Parodie seines alten Sinns verwendet."

Parodie ist ein gutes Stichwort: Ist nicht sein Buch auch eine Parodie der so gehypten Lifestyle-Gebote Skandinaviens? Neben Hygge gibt es ja auch noch "Lagom" aus Schweden, das mit Ausgeglichenheit und Sparsamkeit zu mehr Nachhaltigkeit führen soll - sowohl materiell als auch mental. Rantanen dazu: "Ja, ich habe das Buch als Parodie begonnen, aber beim Schreiben habe ich immer mehr die Überzeugung bekommen, dass Kalsarikänni einfach die realistischere Lebensart ist. Hygge und Lagom sind einfach zu stylish, zu hochglanzpoliert, auch einfach zu fordernd, um wirklich zu entspannen. Kalsarikänni ist also halb Spaß, halb Ernst."