Boom dank US-Einfluss

Wohl nirgends auf der Welt, niemals in der Geschichte, wurde eine Gesellschaft derart schnell und friedlich missioniert wie in Südkorea. Mit rund 30 Prozent Gefolgschaft ist das Christentum derzeit die beliebteste Religion im Land, noch deutlich vor den wesentlich länger etablierten Glaubenssystemen Buddhismus und Konfuzianismus. Die ersten katholischen Missionare erreichten Korea zwar schon Ende des 18. Jahrhunderts, doch zunächst blieb der Anteil der Christen bei etwa einem Prozent. Nach dem Koreakrieg, der die Halbinsel 1953 in Nord und Süd geteilt hatte, setzte ein Glaubensboom ein.

Als sich in den folgenden dreieinhalb Jahrzehnten das US-protegierte Südkorea von einem Agrarland zu einer Industrienation katapultierte, wirkte der von den kapitalistischen Amerikanern vorgelebte Glaube an Gott modern, gab immer mehr Koreanern eine spirituelle Begleitung zum harten Arbeitsalltag. Das Christentum stieg zu einer Macht auf. An die 20 Riesenkirchen, die jeweils mehr als 2000 Zuhörer pro Predigt anziehen, stehen allein in der Hauptstadt Seoul. Und vielen von ihnen wohnt eine marktwirtschaftliche Denkweise inne.

"Ich bin in der Kirche, weil ich gesund und reich sein will", sagt eine junge Besucherin am Rande Lee Young-hoons Predigt im Foyer. "Ich bin hier, um Kontakte zu machen", gesteht ein Mann mittleren Alters. "Das machen viele so." Dass sich Mitglieder hier vernetzen können, muss die Yoido-Kirche auch keinem Koreaner mehr erklären. Ein Schritt vor das Eingangstor genügt: Der stolze Bau aus Backstein liegt neben dem Parlament.

Und das steht längst unter dem Einfluss der vielen christlichen Kirchen. In Südkorea heißt es, ohne die Unterstützung der Kirchen gewinne kein Politiker eine Wahl. Jedenfalls war seit der Demokratisierung ab 1987 jeder der acht Präsidenten selbst einmal Christ. Einzige Ausnahme ist die Atheistin Park Geun-hye, die als Tochter des einstigen Diktators Park Chung-hee bis 2017 regierte. Aber auch sie wurde zumindest katholisch erzogen.

Die Handschrift der Kircheninteressen ist in Südkoreas Politik klar zu erkennen. Die Gotteshäuser haben sich nicht nur als Glaubensbollwerk gegen den Kommunismus aus Nordkorea eingerichtet, was durch Deserteure aus Pjöngjang, die von Kirchen im Süden aufgenommen wurden, bestärkt wird. Viele führen auch eine informelle Allianz mit den erfolgreichsten Unternehmen Südkoreas, die wiederum, wie zum Beispiel Samsung, Gewerkschaften offen zu ihren Feinden erklärt haben. Ein Beispiel ist Lee Myung-bak, einst hochrangiger Geistlicher bei der Somang Presbyterian Church und CEO bei Hyundai. Als Lee ab 2008 Südkoreas Präsident wurde, erleichterte er als Erstes Regulierungen von Konzernen, die auch den Sozialstaat stützen sollten.