Vorbild für Europa?

Die schmale Ausstattung des südkoreanischen Sozialstaats passt vielen Kirchen, die schließlich selbst soziale Dienste anbieten, wenn auch nur für ihre - zahlenden - Mitglieder. Die Idee kostenloser Mittagessen in Schulen wurde bekämpft, weil sie die Schüler homosexuell mache. Und als Präsident Moon Jae-in im Juli entschloss, den Mindestlohn um rund elf Prozent anzuheben, regte sich in Kirchen Widerstand.

Lee Young-hoon gehört zu den subtileren Kritikern. Die Predigt am Sonntagmorgen führt den Pastor noch nach Vietnam, wo er kürzlich gewesen sei. Über die Bildschirme lässt der lächelnde Herr ausrichten: "Ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen. Dort stehen die Leute um fünf Uhr morgens auf, dann sind überall auf den Straßen Mopeds zu sehen. Man arbeitet dort 13 Stunden am Tag. Keiner beklagt sich."

Der Wink mit dem Zaunpfahl ist nicht zu übersehen: Das Kapital von koreanischen Konzernen, amerikanischen wie Microsoft oder japanische wie Panasonic fließe deshalb in neue Fabriken in Vietnam, weil dort geackert wird bis zum Umfallen. Für Interviews ist von der Yoido Full Gospel Church niemand verfügbar. Es könnte daran liegen, dass ihr Gründer, Cho Yong-gi, 2014 der Steuerhinterziehung von zwölf Millionen US-Dollar überführt wurde und bald der Verdacht aufkam, dies sei nur die Spitze des Eisbergs. Über die Rolle der Kirchen in Südkoreas Wirtschaft und Politik sprechen auch andere Riesenkirchen nicht gern. Mehrere von ihnen waren zuletzt in Skandale verwickelt, die offenbarten, dass einige, die Wasser predigten, reichlich Wein tranken.

Park Sung-ryeol findet das traurig. Auch er ist Pastor, acht Kilometer nördlich vom Parlament und der Yoido-Kirche, im Viertel Seodaemun nördlich des Han-Flusses. An einem Abend sitzt Park in einem Raum eines Gewerkschaftsverbunds und atmet tief durch. "Wir glauben nicht, dass der Mindestlohn hoch genug ist", sagt der ältere Mann. Wer in Südkorea prekär arbeitet, kriegt für gleiche Arbeit 38 Prozent weniger Lohn. "Wie kann man da als Kirche dagegen sein?", fragt sich Park.

Die großen Kirchen Südkoreas sind derart erfolgreich beim Ungläubige-Bekehren, dass sie schon im immer unchristlicher werdenden Europa Bewunderer finden. Als der Vorsitzende der Weltweiten Evangelischen Allianz Thomas Schirrmacher kürzlich zu Gast in Seoul war, ließ er sich von Zehntausenden bejubeln. Seine Botschaft: Ihre Missionare sollten auch in Europa aktiv werden.