Wien. Die Sonne strahlt ins Zimmer. Noch befinden sich Daniel Schabauer und Martin Willibald Meisl in bequemen Jogginghosen. Sie sitzen nebeneinander, jeder an seinem eigenen Schminktisch. Konzentriert betrachten sie sich in ihren Kosmetikspiegeln, während sie ihr Make-up auftragen. Beide wissen genau, wie sie ihre Gesichtsformen so konturieren, dass sie ihrer Rolle als Drag Queen entsprechen. Denn in ein paar Stunden wird aus dem Bankangestellten Daniel Schabauer die elegante Diva Erika Empire, aus dem Filmschaffenden Martin Willibald Meisl die laszive Gaby Get’cha. Am Abend werden sie in der Eden Bar auftreten.

In den vergangenen Jahren erlebte die Drag-Szene besonders durch die populäre Fernsehshow "RuPaul’s Drag Race" starken Aufwind, in der die US-amerikanische Drag-Ikone RuPaul in Stil der klassischen Casting-Show jede Staffel eine neue Queen zur Siegerin kürt. Immer mit dabei: viel Pomp, viel Trara, und jede Menge Drama. Doch Drag ist viel mehr als bloß exaltierte Unterhaltungsform. Denn wenn schon ein Gilette-Werbespot, der Männer aktiv in den Kampf gegen sexuelle Belästigung miteinbezieht, die "Männlichkeit" für viele in die so oft proklamierte "Krise" stürzt, besitzt das Spiel mit den Geschlechterrollen weitaus aufschlussreichere Dimensionen.

In der Queer Theory gilt die starre Gegenüberstellung von "Männlichkeit" und "Weiblichkeit" längst als überholt. Das Gender, also die geschlechtliche Identität, mit der man in der Gesellschaft wahrgenommen wird, sei viel eher fluide. Salopp gesagt: Niemand ist zu hundert Prozent nur "männlich" oder "weiblich".

Das Spiel mit Erwartungen

Aber was ist eigentlich typisch männlich, was typisch weiblich? Genau damit spielen die Drag Queens vor allem in ihren Performances auf der Bühne. Denn in ihren Rollen als Erika Empire und Gaby Get’cha greifen Daniel Schabauer und Martin Willibald Meisl der Weiblichkeit zugeschriebene Stereotype auf und tragen sie vor sich her: Eleganz, eine kühle Miene und große Roben einerseits, knappe Röckchen und Offenherzigkeit andererseits.

"Ich spiele sehr gern mit genau dem, was die Gesellschaft erwartet vom Frausein: eine super Figur, Hüften, perfekte Brüste, perfektes Haar", sagt Schabauer, der mittlerweile in rotblonder Perücke und blauem Petticoat zu Erika Empire geworden ist. Erika hält ihrem Publikum, das fasziniert ist von ihrer durch und durch glamourösen Erscheinung, genau diese Erwartungshaltung vor. Eine Facette der idealtypischen "Weiblichkeit", wie sie gesellschaftlich und medial oft transportiert wird. Dass sich ein Mann ihrer derart überzeugend bedienen kann, beweist für Schabauer einmal mehr, dass sie bloße Illusion ist, bloße Äußerlichkeit.