Wohin begibt man sich auf diesem Planeten eigentlich am besten, wenn man ein Gefühl dafür bekommen will, wie das Leben in Deutschland oder auch Österreich im Jahre 2051 ungefähr sein wird?

Benedikt Herles, der 2051 seine gesetzliche Alterspension wird antreten können, begibt sich zu diesem Behuf regelmäßig nach Kalifornien, Lufthansa-Business-Class um stolze 5000 Euro. Er kann es sich leisten: Herles, 34, ist ein erfolgreicher Investor, der sich auf junge Unternehmen spezialisiert hat, die an den äußersten Grenzen des menschlichen Wissens forschen, investieren und produzieren. Da geht es um künstliche Intelligenzen, kooperative Roboter, künstlich geschaffenes Leben und viele andere Techniken, die direkt aus Science-Fiction-Romanen zu stammen scheinen.

Wie diese Welt von morgen, die heute gerade in den Labors zwischen San Francisco und San José entsteht, so ungefähr aussehen wird und welche Folgen das für die Menschheit haben kann, hat Herles nun in einem wirklich spannenden und gut geschriebenen Buch zusammengefasst: "Zukunftsblind - Wie wir die Kontrolle über den Fortschritt verlieren".

Der Fortschritt legt an Tempo zu

Schon der Titel deutet an, was den Autor vor allem umtreibt: Dass nämlich der technologische Fortschritt viel schneller unterwegs ist als unsere Erkenntnisse über dessen Konsequenzen.

Wirklich neu und überraschend ist keine der Technologien, die er beschreibt, etwa die "Genscheren", mit denen die Erbmasse verändert wird und Designerbabys möglich werden, Computersysteme, die eigenständig neue Computersysteme entwerfen, oder Smartphones, die in Kontaktlinsen verborgen sind. Faszinierend ist freilich, wie sehr all diese und viele andere Technologien miteinander verschmelzen und zu heute noch unvorstellbaren Innovationen führen werden. Wer hätte sich sagen wir mal 1989 auch nur annähernd vorstellen können, dass es einmal Google Earth geben wird?

Dazu kommt, dass der Fortschritt nicht linear verläuft, sondern immer mehr an Tempo gewinnt. Lagen früher viele Jahrzehnte zwischen Innovations-Sprüngen, sind es jetzt oft nur noch Jahre, Tendenz abnehmend.

Obwohl grundsätzlich überhaupt nicht pessimistisch orientiert, ortet der Autor drei große Bedrohungen als Folge. Als "Spaltungsrisiko" benennt er die zunehmende Konzentration von Macht und Moneten bei wenigen, das Ende des Mittelstandes und die Möglichkeit der Eliten, sich selbst und ihre Kinder schon bald gentechnisch zu Übermenschen weiterzuentwickeln. Unter "Herrschaftsrisiko" versteht er vor allem die Tendenz, immer mehr Entscheidungen von Algorithmen treffen zu lassen, früher oder später wohl auch politische. Als "Gesinnungsrisiko" schließlich sieht er "Die Narrativlosigkeit" der "nutzlosen Massen", eine "Volksdepression", ausgelöst durch "die Bürde funktionsloser Existenzen". Vor allem die Möglichkeit, das Erbgut des Menschen irreversibel und mit ungewissem Ergebnis zu verändern, bereitet Herles Sorge: "Wir müssen uns Gedanken darüber machen, was wir erschaffen und was wir nicht erschaffen wollen."

Manche der Forderungen, die er am Ende des Buches skizziert, um die "Kontrolle über den Fortschritt" widerherzustellen, muten für einen Start-up-Kapitalisten eher überraschend an, etwa ein bedingungsloses Grundeinkommen vom Staat. Darüber hinaus fordert er die zwingende Beteiligung von Mitarbeitern an ihren Unternehmen, eine Bildungsrevolution (gähn!), einen Staatsfonds, der Steuergeld in High-Tech-Firmen investiert, die transparente Nachvollziehbarkeit aller Steuerzahlungen, eine "Fortschrittsbehörde", die "sich um die gesellschaftliche Bewältigung des Wandels kümmert", eine staatliche Überwachung künstlicher Intelligenzen sowie eine EU-Institution zur Förderung von Biotech-Industrien.

Das kann man auch ganz anders sehen und im Staat nicht unbedingt die Lösung vieler dieser Fragen sehen - die Diagnosen von Herles verlieren dadurch aber nicht im Geringsten an Relevanz und Brisanz.