Im Wiener Kunsthistorischen Museum hängt eine aufregende Version von Pieter Bruegels d. Ä. "Turmbau zu Babel": Schaut man genau hin, was die mit dem Bau beschäftigten Menschen machen, dann erkennt man, dass sie sinnlose Arbeiten verrichten. Als habe die Sprachverwirrung längst stattgefunden. Aber nicht die Verwirrung in unterschiedliche Sprachen scheint es zu sein, sondern eine Verwirrung innerhalb derselben Sprache. Offenbar bedeuten herkömmliche Begriffe für jeden etwas anderes, jeder deutet eine Aussage individuell. Das Gemeinte ist in seiner Umsetzung nicht mehr das Gemeinte. Das Symbol verliert seinen ursprünglichen allgemein verstandenen Inhalt und steht nur noch dafür, was man individuell hineinlesen will.

Unterschiedliche Inhalte

Ein Teil der als Spaltung der Gesellschaft wahrgenommenen Umbrüche speziell im deutschsprachigen Raum ist durch solch eine Sprachverwirrung zu erklären. Die überlebt geglaubte Postmoderne mit ihrer Versatzstücke-Ästhetik hat die Gesellschaft voll im Griff. Die Sehnsucht nach einem gemeinsamen Narrativ muss unbefriedigt bleiben, weil die Begriffe des Narrativs unterschiedlich gedeutet werden. Willkommen in Babel!

Ein glänzendes Beispiel für diese Verwirrung von Symbol, Sprache und Inhalt war im letzten Sommer zu erleben, als DJ Ötzi das Lied "Bella ciao" zu einem Happy-Hüttengaudi-Liebeslied umfunktionierte. Der Aufschrei war so unüberhörbar groß, als hätte Andreas Gabalier aus der "Internationalen" einen Patriotismusrockjodler gemacht. Anders gesagt: Kreise, die sich im politischen Spektrum dezidiert links verorten, warfen DJ Ötzi die Besudelung einer Widerstandsikone vor, denn "Bella ciao" war ursprünglich ein Lied, das die harten Arbeitsbedingungen der Reispflückerinnen beklagt, ehe es im Zweiten Weltkrieg von den italienischen Partisanen adaptiert wurde und sich zu einer Hymne von antifaschistischen, kommunistischen und sozialdemokratischen Bewegungen entwickelte. DJ Ötzi hat es also gewagt, eine Ikone mehr oder weniger bewusst mit einem neuen Inhalt zu erfüllen, sie aber damit auch, im Verständnis politisch links verorteter Menschen, gleichsam zu entweihen.

Ja, darf er das denn?

Das Zögern bei der Antwort zeigt die Babel-Problematik: Das Symbol ist vorhanden, wird aber unterschiedlich verstanden, nämlich als unantastbares antifaschistisches Fanal einerseits und andererseits als eine zündende Melodie, die man beliebig umtextieren und arrangieren kann.

Allerdings ist die absichtliche Entweihung von Symbolen eine Methode, um deren Inhalte verächtlich zu machen. Christen beispielsweise können davon ein Lied singen vom gekreuzigten Frosch Martin Kippenbergers bis hin zu Jani Leinons gekreuzigtem Ronald McDonald, der jüngst im israelischen Haifa für einen Proteststurm sorgte und entfernt werden musste. In der Antike zerschlugen die Eroberer selbstverständlich die Symbole der Eroberten, und im 20. Jahrhundert wurde das Hakenkreuz auf dem Nürnberger Zeppelinfeld ebenso gesprengt, wie die diversen kommunistischen Denkmäler in der ehemaligen Sowjetunion und ihren Ex-Trabantenstaaten gestürzt wurden.