Mit romantischen Vorstellungen vom bohèmienhaften YouTuber-Dasein räumt die deutsche Journalistin und Bloggerin Marie Luise Ritter ("luiseliebt") in ihrem jüngst erschienenen Handbuch "So wird man Influencer" auf. Untertitel: "Machen, was man liebt, und Geld damit verdienen". Wer in der Branche einigermaßen erfolgreich sein will, muss sich auf einen Sieben-Tage-Job einstellen, rund um die Uhr erreichbar sein, vor allem an den Wochenenden muss auf Teufel komm raus gepostet werden. Follower an sich zu binden ist ein Knochenjob - die digitale Reputation ist schnell wieder verspielt. Die Journalistin Ritter berichtet von Investitionen in kostspieliges Equipment, technischem Know-how, das man sich mühsam aneignen muss, von langwierigen Content-Planungen und dem schwierigen Umgang mit unliebsamen Kommentaren.

Ein ausführliches Kapitel ist im Buch nicht zufällig der Kooperationen mit Unternehmen gewidmet. Von gesponserten Beiträgen über das eigentümliche Format "Unboxing" (Pakete vor laufender Kamera öffnen) und Tutorials (gefilmte Gebrauchsanweisungen) bis zu Gewinnspielen, eigenen Events und Produktlinien listet die Autorin eine Vielzahl an Möglichkeiten auf, um lukrative Einkommen zu generieren. Das Geschäft mit Empfehlungen auf den sozialen Kanälen boomt: Bis 2020 erwartet etwa Goldman-Media im deutschsprachigen Raum eine Verdoppelung des Umsatzvolumens auf knapp eine Milliarde Euro, prognostiziert sind jährliche Wachstumsraten von 20 Prozent.

Viktoria und Sabrina machen’s vor: Ihre Bastel- und Spaßbücher "Spring in die Pfütze" sind bereits in mehreren Auflagen erschienen; gemeinsam mit der Firma Libro haben die Ö-Bloggerinnen von Freundschaftsarmbändern und Buntstiften bis zu Schüttelpenalen ein beachtliches Sortiment auf den Markt gebracht. Die Tourneen der beiden im gesamten deutschsprachigen Raum sind restlos ausverkauft, ein junges Publikum steht Schlange, um ein Autogramm oder - noch besser - ein Selfie mit den Stars zu ergattern.

Autodidakten

Derzeit gibt es keine Form von Ausbildung für das bunte Treiben auf den Bildschirmen, die YouTuber sind Autodidakten, sie haben sich ihr, na ja, Wissen selbst angeeignet. In Deutschland und Österreich werden zwar Workshops angeboten, es gibt Tagungen und Handbücher, in der Schweiz bietet eine Privatakademie (influencer academy) einen Lehrgang an mit Studienaufenthalten in Berlin, Monaco und Mailand. Auf dem Stundenplan stehen Storytelling, Corporate Communication, Personal Branding und Verlagsmanagement.

Genauso gut könnte man auch eine Schauspiel- oder Zirkusschule besuchen. Viele YouTube-Clips basieren nämlich auf dem Einmaleins der Unterhaltungskunst. Besonders beliebt auf dem digitalen Jahrmarkt sind Miniatursketche (die Komikerin Lele Pons, 22, bedient mehr als 13 Millionen Follower), Zaubertricks (Zach King, 29: 14 Millionen Fans) und Slapstick-Einlagen, bei denen jemand zu Schaden kommt, neudeutsch: Pranks (KSFreak, 25 Jahre, bis zu 3 Millionen Aufrufe); auch Mutproben, so genannte Challenges, oder BFF-Battles, werden gern gelikt. BFF ist dabei das Akronym für Best Friends Forever, in launigen Wettkämpfen (Eis essen, Kekse backen) treten Freundinnen gegeneinander an, abgestimmt wird via Kommentarfunktion. Alles sehr lustig. Ob allerdings noch mit Mitte 30, ist fraglich. Bis dahin gilt: The Show must go on.