Das starke Hummermännchen

Gerne kommt er mit einem Vergleich aus der Welt der Hummer. Das Leben von Hummermännchen sei von einer Dominanzordnung geprägt, denn das Hummermännchen müsse ständig um das Wohlwollen der paarungsfähigen Weibchen buhlen. Hier gewinnen immer die Stärkeren, glaubt er zu wissen. Für Peterson ist diese Gemeinschaft das Ideal einer Gesellschaft. Mit Auszügen aus der Evolutionstheorie versucht er die Welt zu erklären: Ein zentrales Thema in seinem Bestseller "12 Rules For Life".

Recht banal klingen diese 12 Lebensregeln auf den ersten Blick. Anscheinend treffen sie jedoch den Nerv von vielen. Da heißt es unter anderem: "Steh aufrecht, mit den Schultern nach hinten." Gebückt zu gehen, bedeute laut Peterson schon, von vornherein zu verlieren und dann eben der Schwächere, der Unterlegene zu sein. Er möchte Selbsthilfe zu einem gewissermaßen "erfolgreichen Leben" geben. Das gnadenlos im Imperativ formulierte "Steh aufrecht" knüpft er an ein "Sagen Sie die Wahrheit", "Behandeln Sie sich selbst so, als wären Sie jemand, für den sie verantwortlich sind" oder "Bringen Sie ihr Haus in Ordnung, bevor Sie die Welt kritisieren". Hier wiederum kreist Petersons Ansinnen einzig und allein um die Vermittlung der Botschaft, dass das Leben hart und unerbittlich ist und nur von jedem einzelnen selbst bestritten werden kann. Von Kooperation im Mensch- wie im Tierreich spricht Peterson nie, er kehrt ausschließlich das Selektive, das Trennende und die Konkurrenz in den Vordergrund. Peterson denkt im Korsett "Hierarchie bedeutet Natur und der muss man sich fügen".

Peterson bezeichnet sich gerne als Einzelkämpfer. Er selbst, ein gebranntes Kind, nach einer tristen Kindheit, mit tiefreligiöser Erziehung in einem Dorf im abgelegenen Kanada großgeworden: Er war alkoholabhängig, nahm Drogen, litt an schweren Krankheiten und Depressionen. Für sein Publikum soll das alles kein Geheimnis sein, im Gegenteil: Er selbst sei vorangekommen und führe jetzt ein geordnetes Leben. Eiserne Disziplin habe es möglich gemacht. Seit jeher mit seiner Jugendfreundin verheiratet, Vater von zwei Kindern, mit geordneter Professur an einer kanadischen Universität, war er bis September 2016 relativ unbekannt, bis er zum Erlöser der Orientierungslosen erkoren und gar von der New York Times als "derzeit einflussreichster Intellektueller der westlichen Welt" ausgerufen wurde.

Über Nacht berühmt

Vor zweieinhalb Jahren legte Peterson öffentlich Protest gegen das kanadische Gesetz "Bill C-16" ein. Dieses Gesetz sollte es verpflichtend machen, Transgenderbegriffe zu verwenden. Für Peterson ein "Eingriff in die freie Sprache". Er wolle nicht als Professor gezwungen werden, seine Studenten mit einem bestimmten Personalpronomen anzusprechen. Aus der hitzigen Diskussion entstieg er über Nacht als Rebell gegen den linken Mainstream. Und wurde sofort in die Nähe der Alt-Right-Bewegung in den USA gerückt, eine politische Bewegung, die gerne mit Rechtsextremisten und Neonazis in Verbindung gebracht wird. Peterson hingegen will davon nichts wissen und sieht sich als kritischer Denker und als Liberaler ("a classic British liberal"), der sich entschieden gegen "politische Korrektheit" und den "Gender-Wahn" positionieren will. Zunehmend wird er als politische Figur tituliert, was er in öffentlichen Diskussionen vehement zurückweist: "Ich will nicht politisch sein. Natürlich gibt es politische Elemente, aber ich bin tatsächlich ein klinischer Psychologe." Mittlerweile ist der geschäftstüchtige Professor sogar Millionär.