Das beherrschende britische Narrativ des 20. Jahrhunderts war die Kriegserklärung an das nationalsozialistische Deutschland im Jahr 1939. Premierminister Winston Churchill schuf mit seinen Worten "I have nothing to offer but blood, toil, tears and sweat" ein neues Narrativ für Großbritannien: das des verlustreichen und heldenhaften Kampfes zwischen Freiheit und Diktatur. Churchills Narrativ überdauerte den Verlust der britischen Kolonien in der Nachkriegszeit. Obwohl die USA Großbritannien als beherrschende Weltmacht ablösten, konnte das "Rule Britannia"-Narrativ fortbestehen. Bis zu einem gewissen Grad drückte es sich nicht zuletzt in der Sonderstellung aus, die sich Großbritannien in der EU stets herausverhandelt hat.

Jetzt mischt der Brexit die Karten neu. Der Brexit ist der wahrscheinlich bedeutendste Schritt Großbritanniens seit der Kriegserklärung an das nationalsozialistische Deutschland. Doch die historischen Entscheidung versperrt sich einem für sie tauglichen Narrativ.

Garvan Walshe, früherer Sicherheitsberater der British Conservative Party, vergleicht in der Zeitschrift "Foreign Policy" Theresa Mays Brexit-Verhandlungen mit der EU mit Yasser Arafats Verhandlungen über einen Palästinenserstaat. Beide, resümiert Walshe, hätten nicht erkannt, dass sie aus einer schwächeren Position heraus Forderungen stellen, für die sie zwar in den eigenen Reihen Unterstützung bekommen, die der stärkere Verhandlungspartner aber nicht bereit ist, zu erfüllen.

Arafat konnte daraus immerhin das Narrativ von den Palästinensern als Opfer Israels entwickeln, das bis in die Gegenwart Wirkung zeigt. Doch welche Chancen bieten sich Theresa May für ein Brexit-Narrativ?

Um bewusst ein Narrativ zu stiften, sagt die Sozialwissenschaft, braucht es:

- ein Problem;
- den Mut, es zu erkennen;
- den Willen zur Lösung;
- die Kraft zur Beschreibung des Ziels;
- die Verpflichtung zur Erfüllung.

Schlechte Voraussetzungen

Damit scheint der Brexit gleichsam ein Narrativ seiner selbst zu werden, denn das sinnstiftende übergeordnete Narrativ ist vorerst nicht auszumachen. Längst ist die Bevölkerung Großbritanniens in der Brexit-Frage zu tief gespalten. Aber nicht nur das, auch die Mehrheit dürfte sich verschoben haben. Spricht man nämlich heute mit Brexit-Gegnern wie -Befürwortern, hört man von beiden in den meisten Fällen, würde die Abstimmung heute stattfinden, ginge sie für einen Verbleib Großbritanniens in der EU aus, zumal sich viele ehemalige Brexit-Befürworter von der der Abstimmung vorausgegangenen Kampagne getäuscht fühlen.

Für ein Narrativ ist das eine denkbar schlechte Voraussetzung. Denn was vom Brexit bleibt, ist damit einzig und allein eine in letzter Konsequenz sinnlose bis schädliche nationale Anstrengung. Der Brexit hat nichts Glanzvolles, er lässt sich nicht einmal zu einem Opfermythos stilisieren, der freilich dem Selbstverständnis der Briten fremd wäre. Die wiederholten Anläufe, mehr Zugeständnisse bei der EU herauszuholen, quasi als Einzelkämpfer die Union niederzuringen, scheinen nicht nur erfolglos, sie wären, verglichen mit der weitreichenden Bedeutung des Brexit, auch wenig geeignet für ein Narrativ. Obendrein ist ein grundloses Handeln wider alle Vernunft ganz und gar unbritisch und damit für ein Narrativ ungeeignet.

Also zurück zum Splendid-Isolation-Narrativ? Vielleicht hat ja Theresa May einen Versuch in dieser Richtung gestartet, als sie von "our laws, our money, and our borders" (unsere Gesetze, unser Geld und unsere Grenzen) sprach. Letzten Endes käme das jedoch einem Rückzug auf Kitsch-Klischees vom Bobby bis zum Cup of Tea und der Wachablöse gleich. Was von Großbritannien in der globalisierten Welt bliebe, wäre ein putziger Inselstaat mit putzigen Eigenarten, die man gewiss alle recht gern haben mag. Freilich wäre auch das irgendwie ein Narrativ.