Wien. Die Welt in Begriffe zu gießen und den Dingen einen Namen zu geben - all das beraubt sie ihrer Komplexität, bricht sie auf gemeinsame Nenner herunter. Sprache bedeutet also immer schon Verlust. Einmal in Sprache angelangt, ist die Wahrnehmung von Welt nicht mehr unmittelbar - und wird es nie wieder sein. Sprache kategorisiert, normiert und organisiert. Im Gegenzug für diesen Verlust bietet Sprache jedoch Entscheidendes: die Möglichkeit zu Kommunikation. Und dieser Austausch untereinander, ist für den Menschen, der von Soziologen wie Sprachwissenschaftern gerne als "soziale Tatsache" beschrieben wird, überlebensnotwendig.

Die erste Sprache, die ein Mensch erwirbt, ist im Normalfall die Muttersprache. Bereits das Ungeborene ist auf die Melodie und den Klang dieser ersten Sprache codiert. Sie hat nach der Geburt eine erforscht beruhigende Wirkung auf Babys. Was diese Sprache von allen später erworbenen unterscheidet? "Der Erwerb der Muttersprache erfolgt unbewusst, ungesteuert und ohne klassischen Unterricht", erklärt die Grazer Sprachwissenschafterin Veronika Mattes: "Wird sie ohne ,Bruch‘ erworben, ist es die Sprache, in der wir jedenfalls vollständige Kompetenz entwickeln, in der wir auch emotional nahe Sprache lernen."


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Gesellschaft für bedrohte Sprachen
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Natürlicher Spracherwerb

Dieser natürliche Spracherwerb findet vor allem in den ersten Lebensjahren statt. Ab einem Alter von sieben, acht Jahren ist es dann schwierig, noch Muttersprachkompetenz in einer neuen Sprache zu erreichen, wobei es sehr große individuelle Unterschiede gibt. Veronika Mattes: "Die lautliche Ebene - etwa die Bedeutungsunterschiede zwischen r und l - ist dabei recht früh abgeschlossen, die Grammatik etwas später, beim Wortschatz gibt es so gut wie keine Einschränkungen." Welche die dominante Sprache, also die am meisten verwendete im Leben eines Menschen ist, kann sich mehrmals ändern. Das Niveau der Muttersprache - was Aussprache, Grammatik und Subtexte in der Bedeutung anbelangt - erreichen Sprecher dieser Zweitsprachen jedoch kaum.

Die sprachliche und die kognitive Entwicklung sind sehr stark mit einander verknüpft. Wie die Muttersprache strukturiert ist, prägt die Art, wie wir Welt wahrnehmen. Mattes: "Je nachdem, welche Aspekte der Realität in der Sprache systematisch ausgedrückt sind, wird auch die Wahrnehmung beeinflusst." Hat eine Sprache also besonders viele Kategorien für Farben oder räumliche Bezeichnungen, so wirkt diese sprachliche Einteilung wie eine Art Filter: "Diese Unterschiede sind sehr, sehr subtil und zeigen sich weniger in der Wahrnehmung selbst als in der Kategorisierung."

Was alle bekannten Sprachen gemein haben: Sie haben Strukturen wie Wörter und Sätze, die aus elementaren bedeutungslosen Lauten und Gesten gebildet werden. Sie verfügen alle über eine Syntax, kennen Fragen und Verneinungen. Was nicht alle Sprachen aufweisen, sind Tempusunterscheidungen, konkrete Zahlenwörter und Mehrzahlformen von Substantiven.

Aktuell geht die Sprachwissenschaft davon aus, dass es weltweit 7100 muttersprachlich gesprochene Sprachen gibt - wobei es einen Graubereich zwischen lokalen Dialekten und eigenständigen Sprachen gibt. Doch ihre Zahl ist im Sinken, drastisch sogar. Bis zu 90 Prozent davon könnten laut Prognosen der Gesellschaft für bedrohte Sprachen im Laufe des 21. Jahrhunderts verschwinden. Noch drastischere Szenarien gehen davon aus, dass sich die Zahl der Sprachen auf etwa 100 reduzieren wird. Die Gründe für dieses Sprachensterben sind naheliegend wie komplex - und der Prozess ist nur selten reversibel. Grundmotor sind die Globalisierung, das dadurch immer dichter werdende Handelsnetz und die Digitalisierung.

Wie viele Sprachen es in einer Region gibt, hängt stark mit den geografischen Begebenheiten zusammen. So gibt es alleine im Inselstaat Papua-Neuguinea noch mehr als 850 teils nicht miteinander verwandte Sprachen - bei nur 3,6 Millionen Einwohnern. In Österreich sind neben Deutsch sieben Sprachen offiziell anerkannt.

Wie viele Sprachen in einem Land gesprochen werden, spiegelt nicht nur die geografische Situation wider, sondern auch die Geschichte eines Staates - durch Migration, Handelsbeziehungen, politische Entscheidungen, sich durch Kriege verändert habende Staatsgrenzen, die ja nie deckungsgleich mit Sprachgrenzen verlaufen.

Trend zu Mehrsprachigkeit

Globalisierung und Digitalisierung haben aber auch den Effekt, dass mit dem Sprachensterben eine Zunahme von Mehrsprachigkeit zu beobachten ist. Migration sowie die Dominanz des Englischen in der digitalen Welt sind hier die Hauptfaktoren.

Die Einschätzung, dass frühe Mehrsprachigkeit Kinder benachteilige und daher ein Makel sei, hat die Wissenschaft widerlegt. Auch Sprachforscherin Mattes bestätigt die Untersuchungen von Hirnforschern: "Mehrsprachigkeit bringt keinerlei Nachteile mit sich, im Gegenteil, sogar leichte kognitive Vorteile - vermutlich wegen der größeren Flexibilität des Gehirns." Die Voraussetzung dafür ist aber die muttersprachliche Kompetenz in mindestens einer Sprache: "Probleme entstehen dann, wenn ein Kind keine Sprache vollständig erwirbt."

Dass in Österreich rund 33.500 Schülerinnen und Schüler (Stand 2016) mit anderen Erstsprachen als Deutsch Unterricht in ihrer Muttersprache besuchen, lässt sich unter dieser Prämisse als Integrationsmaßnahme sehen. Dieser Unterricht wird derzeit in 26 Sprachen angeboten, die meisten Wochenstunden werden für Türkisch verwendet, gefolgt von Bosnisch/Kroatisch/Serbisch (BSK), Arabisch und Albanisch. Mattes bestätigt: "Die Muttersprache zu stärken, wirkt sich positiv auf den Erwerb einer parallel dazu geförderten Zweitsprache aus."

Wachsen Kinder gar zweisprachig auf, so wird jede der Sprachen für sich erworben, der Spracherwerb findet also zweimal statt. Dabei kann die Sprachentwicklung naturgemäß etwas langsamer vor sich gehen, was Kinder aber meist rasch aufholen.

Keine Einheitssprache

Dass Mehrsprachigkeit die Norm und nicht die Ausnahme ist, zeigt sich in der Tatsache, dass ein Großteil der Staaten mehr als eine offizielle Sprache hat. Wobei zu bedenken ist, dass "Dialekt und Standardsprache auch eine Form der Mehrsprachigkeit darstellen", so Mattes. Dazu kommt eine soziale Mehrsprachigkeit innerhalb einer Sprache, die auch erworben werden muss: Wir verwenden in der Arbeit, der Familie, mit Kindern oder im Rahmen eines Vortages eine andere Art von Sprache. Diese feine Sprachklaviatur spielen zu können, bedeutet zusätzliche Sprachkompetenz.

Führt das Sprachensterben dazu, dass wir alle eine Universalsprache sprechen werden? Dazu wird es nicht kommen, ist Mattes überzeugt, es werde immer Varietäten geben - sei es regional, domänen- oder generationsspezifisch. Stirbt eine Sprache, so wird meist die nächstgrößere übernommen und nicht eine der global dominanten, zeigen Studien.

Bei all diesen Entwicklungen gilt: Sprache ist nie abgeschlossen, ist ständig im Wandel, verändert sich durch jeden gesprochenen Satz, wird durch jede Sprecherin und jeden Sprecher ein klein wenig geprägt. Das Einzige, das eine Sprache also vor dem Aussterben bewahren kann, bleibt also: sie weiter zu sprechen.