Das waren noch Zeiten, als der heimische Film sich sogar mit Hollywood-Monsterschinken messen konnte. Allerdings muss man da bis zum Stummfilm zurückgehen. So hatte D. W. Griffith gewaltig ausladendes bahnbrechendes Werk "Intolerance" (1916) Einfluss auch auf bedeutende europäische Filmemacher. 1920 ließ sich beispielsweise der geniale Däne Carl Th. Dreyer zu seinen "Blätter aus Satans Buch" inspirieren. Zwei Jahre später fand die Megalomanie ihre Nachahmer in Wien. Und so entstand unter Produktion und technischer Leitung des legendäre "Filmgrafen" Kolowrat das bis heute aufwendigste und ehrgeizigste Projekt der österreichischen Filmgeschichte: "Sodom und Gomorrha".

In der "Traumfabrik" am Laaer Berg wurde eine gewaltige Tempelstadt errichtet, belebt mit Tausenden von Komparsen. Gedreht wurde weiters in der Wiener Innenstadt, in Schönbrunn, in der Hermes-Villa, am steirischen Erzberg. Unter der Regie eines Österreich-Ungarn namens Michael Kertész, der als Michael Curtiz in die USA ging, und spätestens mit seinem 126. Film, nämlich "Casablanca", in den Filmolymp aufstieg.

In einer Rahmenhandlung, die ungeachtet aller Wiener Schauplätze in England spielt, hat sich eine "moralisch" verirrte junge Frau trotzig dem ausschweifenden Leben verschrieben, wird Mittäterin an einem Mord, und durchlebt vor ihrer Hinrichtung als Frau Lot Visionen der biblischen Lotterstadt. Doch da alles gut auszugehen hat, stellt sich die Tragödie als böser Traum heraus, aus dem die Dame (Stummfilmstar Lucy Doraine) geläutert hervorgeht. Gemeinsam mit den erwähnten Vorbildern hat "Sodom" die Naivität und das Pathos, das uns Heutigen zum Schmunzeln Anlass bietet. Der Rekonstruktion Wert war das bald nach seiner Premiere zensierte und verstümmelte Werk jedoch allemal. Dieser Torso wurde vom Film Archiv Austria perfekt wieder hergestellt. Da darüber hinaus die ursprüngliche Begleitmusik, seinerzeit zusammengestellt von Guiseppe Becce, nur in stark vergröberter Deskription, nicht aber in Partituren erhalten ist, erhielt Spezialist Helmut Imig vom Archiv gemeinsam mit dem Konzerthaus den Auftrag zu einem Neuarrangement.

Die Kombination von Kompilation und eigenen Musikstücken wurden im Rahmen des Zylus "Film+Musik Live" im Konzerthaus präsentiert. Imig verwendet im typischen Kinostil der zwanziger Jahre spätromantische Komponisten wie u. a. Sibelius oder Suk, verbindet sie mit sehr einfühlsam gestalteten Eigenkompositionen, so einem Walzer à la Korngold. Als Ergänzung blitzt kurz Händels Feuerwerksmusik auf. Die Gesamtmischung funktioniert zu den 80 Jahre alten

Bildern tadellos und wurde vom Wiener Kammerorchester unter Leitung des Komponisten lust- und temperamentvoll dargeboten. T. F.