Der deutsch-österreichische Dirigent und Komponist Michael Gielen ist im Alter von 91 Jahren verstorben.  - © dpa/Arne Dedert
Der deutsch-österreichische Dirigent und Komponist Michael Gielen ist im Alter von 91 Jahren verstorben.  - © dpa/Arne Dedert

Der deutsch-österreichische Dirigent und Komponist Michael Gielen ist am 8. März in seinem Haus in Mondsee im Salzkammergut im Alter von 91 Jahren gestorben. Gielen galt als einer der wirkungsmächtigsten Befürworter der Avantgarde. Die Entwicklung der Musik nach 1945 wurde durch ihn maßgeblich mitgestaltet.

Die Nähe zu Kunst und Kultur und speziell Neuen Musik war Gielen gleichsam in die Wiege gelegt: Gielens Vater war der Regisseur und spätere Burgtheater-Direktor (1948-1954) Josef Gielen, seine Mutter die Schauspielerin Rosa Steuermann, deren Bruder Eduard Steuermann Pianist war, im Kreis Arnold Schönbergs verkehrte und die Musik der zweiten Wiener Schule propagierte.

Michael Gielen ist am 20. Juli 1927 in Dresden geboren. 1937 emigrierte die Familie von Berlin nach Wien, 1940 nach Argentinien: Gielens Mutter galt nach den Rassegesetzen als Jüdin, sein Vater war ein Gegner der Nationalsozialisten. In Argentinien absolvierte Michael Gielen seine musikalische Ausbildung und lernte durch vierhändiges Klavierspielen mit dem ebenfalls emigrierten Dirigenten Fritz Busch, welche interpretatorischen Ansätze bei einem Werk möglich sind. Gleichzeitig befasst er sich auf der Basis von Lehrbüchern des österreichischen Komponisten Ernst Krenek mit der Zwölftontechnik.

Rückkehr nach Europa

Gielens Dirigentenkarriere beginnt 1947 als Korrepetitor am Teatro Colón, wo sein Vater Chefregisseur ist. Er erfährt entscheidende Impulse durch den wichtigsten Dirigenten des Opernhauses, den Österreicher Erich Kleiber, und übernimmt die Leitung eines Avantgarde-Ensembles der Argentinischen Gesellschaft für Neue Musik, wo er den Komponisten Mauricio Kagel kennenlernt und das gesamte Klavierwerk Schönbergs aufführt.

1950 geht Gielen zurück nach Europa und übernimmt eine Stelle als Korrepetitor an der Wiener Staatsoper. 1960 wird er Musikdirektor der Königlichen Oper in Stockholm, 1969 Leiter des Belgischen Nationalorchesters in Brüssel und 1973 Chefdirigent der Niederländischen Oper in Amsterdam. 1965 bringt Gielen in Köln Bernd Alois Zimmermanns Oper "Die Soldaten" zur konzertanten Uraufführung. Das Werk wurde bis dahin aufgrund der komplexen seriellen Kompositionstechnik und der Schichtung mehrerer voneinander unabhängiger Ebenen als unaufführbar eingestuft. Die Aufführung ist Gielens Durchbruch als Dirigent.

Weitere wesentliche Positionen Michael Gielens sind: Generalmusikdirektor der Oper Frankfurt (1977-1987), Erster Gastdirigent des BBC Symphony Orchestra in London (1978-1981), Chefdirigent des Cincinnati Symphony Orchestra (1980-1986). Dazu kommen zahlreiche zusätzliche Engagements sowohl für einzelne Produktionen als auch als ständiger Gastdirigent, etwa an der Berliner Staatsoper Unter den Linden.

Position der Objektivität

Zu den von Gielen uraufgeführten Werken gehören neben den "Soldaten": "Requiem" von György Ligeti, "Symphonische Szene" von Isang Yun, "Emanationen" von Krzysztof Penderecki und "Aus Deutschland" von Maurizio Kagel. Gielen setzte sich auch für die Werke Franz Schrekers ein, er brachte dessen "Die Gezeichneten" in Frankfurt zur Aufführung und daselbst ebenso Ferruccio Busonis "Doktor Faust". Zu seinem Repertoire gehörten Werke von Außenseitern Carl Ruggles, Colin McPhee und Charles Ives ebenso wie die der Komponisten der klassischen Moderne, speziell des Schönberg-Kreises. Gielen dirigierte aber auch, was oft übersehen wird, Bach, Beethoven, Schubert, Wagner, Bruckner, Brahms, Mahler, Ravel und Debussy. Auch, und vielleicht sogar gerade bei den Werken des klassischen Repertoires, war Gielens Stil entschlackt, er zeigte die Werke gleichsam aus einer Position der Objektivität ohne aufgesetzten emotionalen Ballast.

Komponist in der Webern-Nachfolge

Gielens eigenes kompositorisches Schaffen ist wenig umfangreich, aber bemerkenswert: Werke wie "Musica", "Variationen", "Die Glocken sind auf falscher Spur" oder "Pflicht und Neigung" zeigen ihn als Vertreter einer klangsensiblen Aufarbeitung von Reihentechniken in der Webern-Nachfolge.

Im Jahr 2014 beendete Gielen aufgrund von Altersdepression und einer zunehmenden Sehschwäche seine Dirigententätigkeit. Für die Neue Musik war er ein Wegweiser, für die Werke des herkömmlichen Repertoires ein Anwalt, der nicht sich selbst, sondern ihre Vorzüge in den Vordergrund stellte. Gielen war ein Musiker, der mit Ruhe und Vernunft das Feuer der Werke schürte.