Kennen Sie den? - "Früher haben sie Zwentendorf wegen Sicherheitsbedenken nicht in Betrieb gehen lassen, dann probieren sie es justament mit Kernkraft, und prompt haben sie sich eine Kernschmelze eingehandelt - das ist die Entwicklung der SPÖ." Der Witz machte die Runde, nachdem die ÖVP - Liste Kurz bei den Nationalratswahlen 2017 die SPÖ mit ihrem Spitzenkandidaten Christian Kern überholt hatte. Witzig? - Bitte einen Moment warten, das Grundproblem holt den Witz in Kürze ein.

Oder der: Angela Merkel am CDU-Parteitag: "Ich möchte hier nicht nur Ja-Sager um mich herum haben. Wenn ich nein sage, sollen auch Sie nein sagen.

Oder: Was war Horst Seehofers erste Frage als Chef des Heimatministeriums? - "Kann ich mich da auch selbst ausstopfen lassen?"

Zumindest Abarten der letzten beiden Politiker-Witze könnte man bei der Starkbierprobe auf dem Nockherberg gestern Abend gehört haben. In München werden bei dieser Gelegenheit die Politiker seit 1891 derbleckt, was bedeutet: Es wird ihnen ein satirischer Spiegel vorgehalten. Der Münchner Humorist Jakob Geis hat das damals eingeführt.

Das Bierzelt-Poltern gegen Die-da-oben hat bei Fastenzeit-Reden Tradition, nicht nur in Bayern. Fallweise poltern Die-da-oben in Faschings-, Karnevals- oder Nachkarnevalslaune auch gegen Die-da-unten, was freilich Die-da-unten Denen-da-oben krumm nehmen und mit Schwerthieben der politischen Korrektheit ahnden. Soll heißen: Gegen Die-da-oben ist alles erlaubt, während Denen-da-oben gar nichts erlaubt ist, zumindest nichts in Sachen Witz.

Witz hat immer etwas mit - vielleicht Missstände entlarvender - Weisheit zu tun. Wobei man sich jetzt ganz allgemein die Frage gestatten darf, wie weit ein Witz überhaupt gehen darf. So sicher kann man da ja nicht mehr sein, seitdem manch Witzekundiger in Jan Böhmermanns Erdogan-Beleidigungen die Mutter des subtilen politischen Humors erkannt hat.

Im Prinzip braucht man nur die Falschfarbenmethode anzuwenden. Eine Falschfarbendarstellung bedeutet, dass den Grautönen eines Schwarz-Weiß-Bildes kontrastierende Farben zugeordnet werden. Wissenschafter verwenden das, um Strukturen zu verdeutlichen, die andernfalls für das menschliche Auge schwer zu erkennen gewesen wären.

Sympathien und Antipathien

Übertragen: Hält man einen politischen Witz auch dann noch zumindest für akzeptabel, wenn man ihn auf die Angehörigen der eigenen Partei-Sympathien überträgt, kann er durchgehen.

Test aufs Exempel: Man besetze den angeführten Angela-Merkel-Jasager-Witz wahlweise mit Pamela Rendi-Wagner oder Sebastian Kurz - niemand wird ein ungutes Gefühl dabei entwickeln. Auch der Seehofer-Witz passiert, so getestet, die Anstandsgrenze. Nun setze man in Böhmermanns Erdogan-Satire mit beibehaltenen Umständen, also Satire unter mehrfachen Anführungszeichen, wahlweise Sebastian Kurz, Pamela Rendi-Wagner oder Angela Merkel statt des türkischen Staatschefs ein: Bekommt man ein ungutes Gefühl, wenn die Genannten (unter denselben x Anführungszeichen, wie gesagt) als "sackdoof, feige und verklemmt" bezeichnet werden und ihnen, natürlich ebenfalls unter einer Armee von Anführungszeichen, ein sexuelles Nahverhältnis zu Ziegen angedichtet wird?