Der Schneefall spiegelt für Hartmut Rosa die Unverfügbarkeit wider. Darauf baut der Soziologe seine Thesen zur Moderne auf, in der der Mensch verloren zu gehen scheint. Seine Reflexionen ergänzt er mit Alltagsbeispielen, wodurch seine anspruchsvollen Analysen neben den theoretischen auch praktischen Erkenntnisgewinn beinhalten.

Schnee lässt sich nicht in der Hand halten und nicht im Gefrierschrank konservieren. Auch am 24. Dezember geht der Wunsch vieler Menschen nach dem rieselnden Weiß nicht in Erfüllung: Schnee ist ebenso wenig verfügbar wie die Liebe oder die Gesundheit.

Hartmut Rosa entwickelt aus seinen Überlegungen fünf Thesen zur Verfügbarkeit der Dinge und zur Unverfügbarkeit der Erfahrung. Der Resonanz spielt dabei eine zentrale Rolle, weil sie notwendig ist, um innerlich berührt oder bereichert zu werden. Doch die Resonanz ist nicht verfügbar, weil nicht planbar ist, ob beispielsweise der Traumurlaub genau das beinhaltet, was der Katalog versprochen hat. Die Unverfügbarkeit ist dagegen notwendig für die Resonanz, lässt sich aber mit dem Streben der Menschen, die Welt verfügbar zu machen, nicht vereinbaren. Diese Widersprüche sind nicht lösbar, sondern lassen die Menschen scheitern, was zu Wut, Frust oder Zorn führt.

Lebenspraktische Beispiele

Die Überlegungen des Professors dazu sind komplex; er denkt, fragt und zieht Vergleiche zu anderen Soziologen und Philosophen. Damit lädt er zum Diskurs ein, ohne sich aufzudrängen. Im Gegenteil: Das Jonglieren von Gedanken macht seine Überzeugungen, aber auch seine Zweifel offensichtlich.

Deswegen widmet er sich im zweiten Teil seines Buches verstärkt alltags- und lebenspraktischen Beispielen, um anhand von Geburt, Erziehung oder Tod Sicherheit für die eigenen Erkenntnisse zu gewinnen. Gleichzeitig beleuchtet er weitere Facetten der Moderne wie Digitalisierung und Optimierung unter den Aspekten des Begehrens und einer radikaleren Unverfügbarkeit. Die damit verbundene Furcht vor dem Weltverlust oder dem Verstummen folgt die Aussage, dass sein Buch und sein pessimistisches Ende nicht der Weisheit letzter Schluss seien, sondern "nur als ein erster Versuch, über etwas nachzudenken, was ich als Grundwiderspruch der Moderne identifizieren zu können glaube".