Wien. In Toronto wird die Stadt der Zukunft gebaut. Auf dem Hafenareal soll nach den Plänen der Google-Städtetochter Sidewalk Labs ein vernetzter Stadtteil mit modularen Gebäudeeinheiten entstehen, die sich wahlweise in Geschäfts- oder Wohnflächen umfunktionieren lassen. Selbstfahrende Shuttle-Busse und Taxibots sollen die Bewohner von A nach B kutschieren; beheizbare Radwege sollen dafür sorgen, dass Radfahrer auch im Winter fahren können. Smarte Mülltonnen melden automatisch ihren Füllstand.

Auf ersten Renderings ist eine Tech-Idylle zu sehen, in der sich Roboterfahrzeuge die Straßen mit Radfahrern und Fußgänger teilen und Bürger zwischen begrünten Holzhäusern flanieren. Eine Art Raum gewordene Hippie-Utopie, wie sie Ernest Callenbach in seinem Roman "Ecotopia" aus dem Jahr 1975 beschrieb. Dachgärten dämmen Gebäude, Familien flanieren an der begrünten Uferpromenade, Kajakfahrer paddeln in einem Gewässer. Sidewalk Toronto soll zur Blaupause für nachhaltigen Urbanismus werden: autark, klimaneutral, autofrei.

Auch Facebook baut gerade eine neue Siedlung (Willow Campus): Neben dem Hauptquartier in Menlo Park soll in den nächsten Jahren ein Firmencampus mit 1500 neuen Wohnungen entstehen. Facebook will damit den Beweis antreten, dass es auch im physischen Raum eine Community bauen kann. "Zucktown", wie das Dorf in Anspielung an Facebook-Gründer Mark Zuckerberg genannt, soll ein Ort des "sozialen Zusammenkommens" werden.

Es ist ja schon erstaunlich, dass die urbanen Utopien ausgerechnet von Konzernen kommen, die an ihren Wirkungsstätten für die drängendsten Probleme der Stadt verantwortlich gemacht werden: Wohnungsnot, Obdachlosigkeit, Gentrifizierung. In San Francisco bewarfen Aktivisten aus Protest gegen steigende Mieten Google-Busse mit Steinen. In Menlo Park werden Bewohner von der Polizei kontrolliert und kriminalisiert, wenn sie Facebook-Leihräder nutzen, was Zuckerbergs Community-Gedanken auf eine schwere Belastungsprobe stellt. Und in New York liefen Anwohner Sturm gegen Amazons Pläne eines zweiten Hauptquartiers - der Online-Riese wurde mit Schimpf und Schande nach Hause gejagt.

Kontrollfreak am Ruder

Aus nachvollziehbaren Gründen: Seattle, der Hauptsitz von Amazon, ist im Zentrum faktisch eine Privatstadt. Der Online-Riese okkupiert 19 Prozent aller Büroflächen, ganze Häuserblöcke sind im Besitz von Amazon. Es ähnelt einer Company Town, wie sie der Schlafwagen-Fabrikant George Pullman 1880 im Süden Chicagos errichten ließ - eine patriarchalisch geplante Werksiedlung.