Eine lächerliche Frage mag das sein, wenn man auf dem Weg ins Büro auf die Straßenbahn wartet. Ein Seemann der Zeit, ehe Funk und elektronische Hilfsmittel zum Einsatz kamen, hätte es anders gesehen. Um den Längengrad zu ermitteln, brauchte er die exakte Greenwich-Zeit. Schon geringe Abweichungen konnten den Unterschied zwischen dem Einlaufen in den Zielhafen und der Havarie auf einem Riff ausmachen. Nicht etwa ein Uhrmacher entwickelte das von den Seefahrern ersehnte Präzisionsgerät, sondern ein Tischler, nämlich der Engländer John Harrison. Das war im Jahr 1759. Dank dieses Chronometers konnte James Cook Vermessungsarbeiten in der Südsee vornehmen, deren Genauigkeit erst durch Satellitendaten übertroffen wurde.

Schattenzeit

Wobei die Zeitmessung noch weit subjektiver sein konnte. In der Antike maß man die Zeit nach der Länge des Schattens. Es war ganz einfach: Je länger der Schatten, desto später am Tag. Man stellte Tabellen auf, mit denen man Tageszeit und Schattenlänge in Relation setzte. Noch im Mittelalter waren sie in Gebrauch. Wenn der griechische Komödienautor Aristophanes recht hat, so begab man sich zu Tisch, wenn der Schatten zehn Fuß lang war. Sonnenuhren waren exakter. Der ionische Naturphilosoph Anaximander dürfte im 6. Jahrhundert vor Christus eine konstruiert haben, und auch der römische Architekt Vitruv geht auf sie ein. Noch verwirrender wird die Zeit in der Antike aber durch die Tatsache, dass Juden und Römer zwar den lichten Tag in zwölf Stunden einteilten, diese zwölf Stunden aber von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang währten. Daraus folgt, dass an jedem Tag die Stunde eine andere Dauer hatte.

Erst mit den im Mittelalter aufkommenden mechanischen Uhren emanzipierten sich die Stunden vom Licht, der Tag wurde geteilt in zwei Mal zwölf gleich lange Stunden. Die Einteilung der Stunde in 60 Minuten und der Minute in 60 Sekunden wurde übernommen vom babylonischen Sexagesimalsystem, das gut zur 12-Zählung passt, die ohnedies im Mittelalter noch weit verbreitet war: Ein Dutzend etwa sind zwölf, nicht zehn, wie es gewesen wäre, hätte schon das Dezimalsystem obsiegt gehabt.

Der Mensch kann Flüsse zu Seen aufstauen, er kann dem Meer durch Dämme Land abgewinnen, er kann durch Beleuchtung die Nacht zum Tag machen - nur die Zeit ist ein Fluss, in den der Mensch nicht eingreifen kann. Lediglich nützen kann er sie, so gut er es vermag. "Carpe diem", sagt der römische Dichter Horaz, nütze die Zeit, und der römische Philosoph Seneca mahnt: "Es ist nicht zu wenig Zeit, die wir haben, sondern es ist zu viel Zeit, die wir nicht nutzen." Schon vor Horaz und Seneca legte die Bibel Salomo einen Hymnus an die Zeit in den Mund: "Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde." Jahrhunderte später schreibt der deutsche Dichterkomponist Carl Orff ausgerechnet in seiner grellen Kunstdialekt-Komödie "Astutuli" eine Meditation über die Zeit: "D’Zeit laßt si Zeit."

Omnipräsent ist die Zeit. In Sprichwörtern heilt sie Wunden und ist Reichtum. "Kommt Zeit, kommt Rat", heißt es im Deutschen, und die Franzosen meinen: "Geduld und Zeit vermögen mehr als Gewalt und Wut."