Deutsche Geschichte wird bei Christopher Clark, dem in Cambridge lehrenden Historiker, in neuartiger, das Interesse der Gegenwart einbeziehender Tiefenschärfe lebendig. In seiner vielbeachteten Studie "Die Schlafwandler" deckte er die Fahrlässigkeiten der Politiker auf, die zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs führten. Mit derselben Akribie untersucht der britisch-australische Wissenschaftler das Verhältnis von Macht und Zeit im Herrschaftsverständnis von vier Epochen deutscher Geschichte.

Bei Friedrich Wilhelm, dem Großen Kurfürsten aus dem Haus Hohenzollern, den noch die Erfahrungen des Dreißigjährigen Kriegs vorantrieben, ortet er ein "aktivistisches Geschichtsverständnis", das die beharrenden Kräfte der Landstände zu überwinden und die eigene, fast ein halbes Jahrhundert (1640-1688) dauernde Regentschaft als staatliche Einheit zu festigen suchte.

Friedrich und die Herrscher Roms

Sein Urenkel Friedrich II. der Große indes setzte während seiner Herrschaft (1740-1786) alles daran, Preußen zur europäischen Großmacht zu erheben. Weniger als Philosoph denn als Historiker erscheint er für Clark beachtenswert: In seinen "Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Hauses Brandenburg" identifiziert sich der "Große Fritz" in seinem Bestreben, "absolute Autonomie zu verkörpern", empathisch mit den Herrschergestalten des alten Rom.

Als Aufklärer übernimmt er von Voltaire die Leitvorstellung des "Zeitalters" und stellt die Gegenwart seines friderizianischen Staats als Vollendung der Idee zivilisatorischen Fortschritts dar. Zugleich legt ihm seine Skepsis als "Philosophenkönig" die Einsicht nahe, dass sich Geschichte wie in den Abläufen der Natur zyklisch wiederhole: "Wer aufmerksam in der Geschichte liest", stellt er in ‚Histoire de mon temps‘ fest, "der wird finden, dass dieselben Szenen oft wiederkehren; man braucht nur die Namen der handelnden Personen zu ändern." Im Gegensatz zu diesem Geschichts- und Zeitbewusstsein forderte Friedrich als unbeschränkter Machtträger im Siebenjährigen Krieg tolldreist die Historie heraus.

Für Otto von Bismarck war die Geschichte ein "Strom der Zeit", wie er 1852 schrieb, "und wenn ich meine Hand hineinstecke, so thue ich das, weil ich es für meine Pflicht halte, aber nicht, weil ich seine Richtung damit zu ändern meine". Seit seiner Berufung als Kanzler 1862 empfand er sich als Steuermann, der das Staatsschiff sicher durch alle Klippen und Stromschnellen der rasanten ökonomischen und technischen Entwicklung seiner Zeit zu führen suchte, "mit mehr oder weniger Erfahrung und Geschick".

Die Flucht vor der Gegenwart

Die "völkische" Geschichtsauffassung der Nationalsozialisten brachte den Bruch mit dem herkömmlichen Zeitbewusstsein einer Kontinuität von Fortschritt und Wandel. Stattdessen wurden finale Zustände anvisiert: Endkampf, Endlösung, Endsieg. Der Staat wurde durch "das Volk" ersetzt, dem eine tausendjährige Zukunft in Aussicht gestellt wurde. Das Konstrukt einer siegreichen "germanischen" Vergangenheit bedeutete "eine Flucht vor den historischen Herausforderungen der Gegenwart", so Clark.

"Wie die Schwerkraft das Licht, so beugt die Macht die Zeit", schreibt der 58-jährige Historiker in seiner Studie einleitend. In den vier dargestellten Epochen untersucht er "die Zeitlichkeit der politischen Macht, wie sie von den einflussreichsten Akteuren ausgeübt wurde".

Geschrieben hat Clark das Buch "unter dem Getöse und Triumph der Brexit-Kampagne in Großbritannien", die "beseelt war von der Beschwörung einer idealisierten Vergangenheit, in der ‚die englisch sprechenden Völker‘ mühelos die Welt beherrscht hatten". Indes, so warnt Sir Christopher: "Wenn Staaten nicht mehr imstande sind, glaubwürdige Zukunftsvisionen hervorzubringen, dann sind wir wahrlich in der Gegenwart gefangen."