Ein Feuer wütete in Notre Dame, um die Kirche wurde wie um eine Person getrauert. - © Reuters/P. Wojazer
Ein Feuer wütete in Notre Dame, um die Kirche wurde wie um eine Person getrauert. - © Reuters/P. Wojazer

Paris. Noch Jahrzehnte später standen unwillkürlich die Tränen in den Augen der Tante, wenn man sie als Zeitzeugin wieder einmal gefragt hat: "Wie war das damals, als ihr den Stephansdom brennen gesehen habt?" Die nachhaltige Betroffenheit ließ selbst bei abgebrühten Teenagern die historische Sensationslüsternheit rasch erkalten - man spürte fast körperlich, was für eine Wunde die Flammen, die aus dem Wiener Wahrzeichen gelodert haben, nicht nur bei jenen geschlagen hatten, die aus ihrer Schneiderei in die Nähe des Brandes geeilt waren, um mit eigenen Augen zu sehen, was passiert war. Ja, damals war Krieg, und ja, es war eine Zeit, in der die Menschen nicht nur bei Erstkommunion und Firmung eine Kirche von innen sahen. Dass in unserer weitgehend säkularisierten Zeit der Brand einer Kirche die Menschen berühren könnte, das schien aber doch recht unwahrscheinlich.

Bis zum Abend des 15. April 2019. Als die ersten Bilder der Feuersbrunst in der Kathedrale Notre Dame von Paris über die Computermonitore, Handydisplays und Fernsehbildschirme liefen, hatten nicht wenige einen Knödel im Hals. Und so mancher konnte ihn sich gar nicht erklären. Es handelte sich doch bloß um ein Gebäude, noch dazu in einem anderen Land, und Opfer aus Fleisch und Blut schien es nicht zu geben. Bei Anschlägen mit mehreren Toten zuckt die Öffentlichkeit kaum mehr mit der Schulter, und der Verlust eines Bauwerks erschüttert die Welt: So hätte man das knallhart herunterbrechen können - und das taten auf den Sozialen Medien auch manche. Aber nur wenige.

Eine besondere transzendentale Kraft wurde der Pariser Kathedrale zugeschrieben, wie auch dieses Handschriftenblatt aus dem 15. Jahrhundert illustriert. - © Metropolitan Museum of Art/Robert Lehman Collection
Eine besondere transzendentale Kraft wurde der Pariser Kathedrale zugeschrieben, wie auch dieses Handschriftenblatt aus dem 15. Jahrhundert illustriert. - © Metropolitan Museum of Art/Robert Lehman Collection

Hieb in die Eingeweide

Denn Momente wie diese zeigen: Manchmal versagt die Ratio. Die Macht der Bilder - der tatsächlichen und der symbolischen - ist zu überwältigend und hat zu viele Ebenen. So war schon schnell in der Berichterstattung vom "Herz von Paris" die Rede. Emotionaler aufladen kann man ein Haus schon kaum mehr. Und für die Pariser stimmt es: Die Bilder der fassungslosen Schaulustigen und ihre Wortspenden unterstrichen den Eindruck, dass ihnen ein Schlag ins Innerste verpasst worden war, in die Lebensader. Ein Treffer in die Eingeweide ihrer Stadt, der gleichzeitig ein Hieb in ihre Identität war.

Oft wurde an diesem Abend auch betont, dass die Pariser ihre Kathedrale als eine Art Familienmitglied betrachten. Damit kann sich jeder identifizieren, in jeder Stadt gibt es solche Denkmäler, in denen sich persönliche und historische Erinnerungen anstauen, bis es undenkbar wird, dass es sie nicht mehr gibt. Diese Form der Personalisierung wird noch dadurch unterstrichen, dass die Kirche auch "Notre Dame", also "Unsere Frau" heißt. Das bezieht sich zwar natürlich auf die Mutter Gottes, auf Maria, macht aber die Kirche selbst zu einem Lebewesen, dem man sozusagen im Fernsehen beim Sterben oder Verletztwerden zusehen musste.