Paris/Wien. Die Dornenkrone ist gerettet - diese Nachricht war für viele Katholiken ein Hoffnungsschimmer in der Verzweiflung über den Großbrand der Kirche Notre Dame de Paris. Die Dornenkrone gilt als eine der wichtigsten Reliquien des Katholizismus, obwohl sie, genau genommen, nur eine Reliquie zweiter Klasse ist.

Die katholische Kirche hat die Reliquien einer strengen Systematik unterworfen. Reliquien erster Klasse sind solche, die vom Leib stammen. Da Christus leiblich in den Himmel aufgenommen wurde, beschränken sich diese Reliquien auf die Teile des Körpers, die naturgemäß auf der Erde zurückgeblieben sein müssen, also auf Milchzähne, auf die Nabelschnur, auf Haare, auf das bei der Passion vergossene Blut und auf die Vorhaut, da Jesus als Jude ja beschnitten wurde.

Reliquien zweiter Klasse sind die Leidenswerkzeuge beziehungsweise ihre Teile und auch Kleidungsstücke. Im Fall Christi gelten als Reliquien zweiter Klasse etwa Teile des Kreuzes oder eben die Dornenkrone, aber auch die Palmzweige, mit denen ihm beim Einzug in Jerusalem gehuldigt wurde, und der Kelch des letzten Abendmahls. Einen Sonderstatus hat das Turiner Grabtuch, das seitens der katholischen Kirche nicht als Reliquie, sondern als Ikone (Abbild Christi) eingestuft ist.

Wunder und überirdische Kraft

Reliquien dritter Klasse sind Berührungsreliquien, also Gegenstände, die mit einer Reliquie erster oder zweiter Klasse in Berührung gebracht wurden.

Die Verehrung von Reliquien ist charakteristisch für die katholische und die orthodoxe Kirche (außerhalb des Christentums für Shinto und Buddhismus), während die protestantischen Kirchen keine Reliquienverehrung kennen, zumal Martin Luther dezidiert gegen den "Reliquienkram" des Erzbischofs Albrecht gepredigt hat. Adventisten und Zeugen Jehovas gilt die Reliquienverehrung sogar als Götzendienst.

Im Katholizismus und im orthodoxen Christentum ist die Reliquienverehrung ein wesentlicher Bestandteil der Volksfrömmigkeit. Abgeleitet wird sie von einer Stelle in der Apostelgeschichte, derzufolge Kranke geheilt wurden, indem man ihnen Schweiß- und Taschentücher des Paulus auflegte. Daraus entwickelte sich der Glaube, dass Reliquien eine besondere Kraft besitzen würden, wobei Christusreliquien am machtvollsten wären.

Die Dornenkrone, Teile des Kreuzes, die Nägel der Kreuzigung und der Speer, den der römische Hauptmann Longinus Jesus in die Seite gestochen hat, ragen heraus, da sie mit dem Blut Jesu in Berührung gekommen sind. Den Abendmahlskelch wiederum hat Jesus mit seinen Lippen benetzt.

Speziell um den Speer und den Kelch ranken sich unzählige Legenden. In die Mythen ist der Kelch als Gral eingegangen. Die Heilige Lanze, zu sehen in der Schatzkammer der Wiener Hofburg, war für die Nationalsozialisten von Bedeutung, die sie nach Nürnberg brachten. Es ist umstritten, ob sie, die im Grunde einem Neuheidentum zuneigten, ihr tatsächlich magische Fähigkeiten zusprachen oder sie lediglich als Teil der deutschen Reichskleinodien begriffen.

Für die Ostkirche symbolisieren Reliquien die Gemeinschaft der Heiligen: Indem man Reliquien in die Gotteshäuser einbringt, verbindet man Kirche und Gläubige mit den Heiligen.

Viel Aufhebens wird stets davon gemacht, dass zahlreiche Reliquien in einem Übermaß vorhanden und damit unmöglich echt sein können. Prinzipiell kann für Reliquien gelten, dass sie, selbst wenn sie Fälschungen sein sollten, durch den Glauben der Christen geheiligt werden.

Auf die Dornenkrone trifft der offensichtliche Fälschungsverdacht nicht zu: Sie ist einmalig. König Ludwig IX. hat sie 1238 in Konstantinopel (seit der Eroberung durch die Türken im Jahr 1453 und der folgenden Islamisierung Istanbul) von Kaiser Balduin II. erworben. Zu ihrer würdigen Aufbewahrung ließ er in Paris die Sainte-Chapelle erbauen. Im Zuge der Französischen Revolution wurde sie in die Notre Dame gebracht. Seit 1896 ist sie von einer Hülle aus Kristall und Gold umgeben. Beim Weltjugendtag 1997 leitete Papst Johannes Paul II. eine Prozession, bei der er die Dornenkrone in die Sainte-Chapelle trug. Gut möglich, dass sie nun, zumindest bis zum Wiederaufbau von Notre Dame, wieder in der ursprünglich für sie errichteten Kirche eine Heimat findet.