Unwiderruflich. Endgültig. Nicht veränderbar. Unverrückbare Tatsachen werden in einer flexibler werdenden Welt seltener. Nix is fix - diese Formel zieht sich als gestalterischer roter Faden durch private wie berufliche Lebenskonzepte. Zwischen wechselnden Lebensabschnittspartnern und knappen Karriereetappen, die quer durch die klassischen Berufsfelder springen, entwickeln sich Lebenskonzepte, in denen sich alles im Fluss, im Wandel befindet. Von der Haarfarbe über die politische Orientierung bis zum sozialen, ja sogar zum biologischen Geschlecht. Was heute Gültigkeit besitzt, kann morgen schon längst sein Ablaufdatum hinter sich haben.

Elternschaft ist hier eine Ausnahme. Vater oder Mutter eines Menschen zu sein, ist eine unwiderrufliche, nicht austauschbare Tatsache. Selbst, wenn der Kontakt abbricht, Kinder adoptiert werden oder gar vor den Eltern sterben gilt: Der Status von Eltern und Kind ist weder verhandel-, noch veränderbar - bei allem Gelingen oder Nicht-Gelingen der Beziehung zwischen ihnen. Familie steht damit in einem permanenten und eklatanter werdenden Spannungsverhältnis zu gesellschaftlichen Veränderungsprozessen. Sie ist aber zugleich auch der Prüfstein, an dem sich zeigt wie tragfähig neue, offenere Lebensmodelle sind. Daraus erwächst die Chance, über gewachsene Ungleichgewichte (zwischen Müttern und Vätern) nachzudenken und zeitgemäße Lösungen zu finden.

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Gipsabdrücke und Reime

Was das alles mit dem Muttertag diesen Sonntag zu tun hat? Bei aller Freude über Gipsabdrücke von Kinderhänden, liebevoll gerupften Blumensträußen, selbstgetöpferten Potpourri-Schalen, holprig vorgetragenen Gedichtchen und dem hoffentlich unfallfrei ans Bett servierten Frühstück: Der Muttertag und seine Rituale haben etwas Anachronistisches - und für viele Frauen etwas Verlogenes, das ihnen schmerzlich vorführt, in welche finanziellen und perspektivischen Falle die Mutterschaft sie mit zum Schmelzen bringend herzigen Babyaugen gelockt hat.

Dabei geht es nicht darum, die eigene Mutterschaft zu bereuen oder gar die bedingungslose Liebe zum eigenen Nachwuchs zu schmälern. Leider auch nicht darum, das Wunder des Lebens zu feiern. Es geht um die Frage, ob unsere Rollenbilder und das Konzept von Eltern- und Mutterschaft, die Art und Weise also, wie wir die Verantwortlichkeiten für unseren Nachwuchs aufteilen, zeitgemäß ist.

Mutti wir haben dich lieb. Wie schön, dass es dich gibt. Danke, dass du immer für uns da bist. Danach der gemeinsame Ausflug ins Grüne und zum Wirten. Denn Kochen soll die Mama heute (ausnahmsweise) nicht. Schließlich ist doch Muttertag. Dieser gut gemeinte ritualisierte Sonntag im Mai ist für viele Frauen (und Männer) Anlass, um darüber nachzudenken, wie wir die Verantwortung für die nächste Generation anders und flexibler organisieren können - von klassischen Rollenverteilungen über gleichwertig geteilte Elternschaft bis zum Vollzeitpapa als Familien-CEO.

Dass es eine politische Verantwortung gibt, für Familien passende Rahmenbedingungen zu schaffen, um diese neuen, sich gerade entwickelnden Modelle auch leben zu können, ist eine Seite der Medaille. Dabei geht es um Themen wie Kinderbetreuungsplätze, Pensionssplitting, Karenzzeiten sowie faire Karrierechancen und Gehälter für beide Geschlechter. Auf der anderen Seite ist auch jedes Paar gefordert, sich gemeinsam zu überlegen, welchen Weg es einschlagen möchte - nicht immer eine einfache Entscheidung.

Zwei neue Sachbücher liefern (nicht nur) Eltern für die Reflexion über die eigenen Rollen, aber auch für die praktische Ausgestaltung eben jener die nötigen Argumente, zeigen die zu umschiffenden Klippen und Hürden auf. In beiden steht nur indirekt die Mutterschaft im Zentrum. Kinder zu haben, ist kein individuelles Problem einzelner Frauen, sondern betrifft zuerst einmal zwei Menschen - in den meisten Fragen letztlich die ganze Gesellschaft.

Philosophie der Elternschaft

Die deutsche Philosophin und Autorin Svenja Flaßpöhler und ihr Mann, der Literaturwissenschafter Florian Werner, begegnen dem Thema gleichzeitig praxisnahe und geisteswissenschaftlich. Sie verstehen Elternschaft (auch) als philosophisches Abenteuer. Nachgedacht und analysiert wird in "Zur Welt kommen" konsequent aus dem Alltag mit zwei Kindern heraus, abwechselnd aus Vater- und Mutterperspektive. Mitunter ergänzen einander diese Perspektiven, mitunter geraten sie in Widerstreit, widersprechen einander gar diametral.

Was diesem Band besonders schön gelingt: Flaßpöhler und Werner heben ihre Überlegungen behutsam und mit viel Respekt für einander auf eine sehr fruchtbare Metaebene, indem sie auf gedankliche Diskussionspfade mitnehmen.

Löscht ein Kind als emotionaler Platzhirsch die Erotik zwischen den Eltern? Wächst mit jedem Kind die Summe an Liebe in einem oder wird der immer gleiche Betrag auf mehr Köpfe aufgeteilt? Wie kommt eine Mutter aus der (biologischen) Symbiose mit dem Kind wieder heraus und wo öffnet sie in diesem Doppelgestirn einen Raum für den Vater? Verändert ein Kind die Wahrnehmung von Zeit? Sind die zehn gestohlenen Minuten alleine im Park auf dem sonntäglichen Weg zum Bäcker mehr wert als zwei Wochen ohne Familie? Entsteht Freiheit als Kostbarkeit erst dort, wo sie eingeschränkt wird? Erreichen wir wahre Gleichstellung nicht erst, wenn die Zahl der Männer in Babyschwimmkursen parallel zu der von Frauen in Aufsichtsräten steigt? Und bringt ein Baby wirklich Chaos ins Leben oder zwingt es nicht vielmehr, sich ganz präzise an (neue) Ordnungen zu halten? Antworten auf diese Fragen liefern nicht nur große Denkerinnen und Denker, die beiden Autoren knüpfen sie geschickt, sehr ehrlich und durchaus selbstkritisch an Situationen aus dem Alltag einer modernen Familie.

Papa kann das - nur anders

Eine gänzlich andere Perspektive auf das Thema Eltern- und Mutterschaft wirft der Journalist Gregor Haake in seinem Buch "Daddy Cool", in dem er seinen Weg aus der Vollzeiterwerbsarbeit in die Rolle des Vollzeit-Familien-Managers nachzeichnet. Die Frau verdiente mehr, also blieb der Vater zuhause. Haake versteht seinen analysierenden und anekdotischen Erfahrungsbericht als eine Art Liebeserklärung an alle Mütter. Seine Schilderungen des Wahnsinns Alltag in einer vierköpfigen Familie beschreiben nicht nur diesen, sondern die Suche nach einem Weg, die klassische Mutterrolle zu leben - und dabei ein Mann zu bleiben. Alles einfach nur so zu machen, wie seine Frau davor, war zum Scheitern verurteilt, das zeigte sich als erste Lektion. Haake schildert neben diesem eigenen Ringen und Hadern aber auch, was der Rollenwechsel für die eigene Partnerschaft bedeutet und wie schwierig es ist, von anderen Müttern oder Pädagogen als vollwertige erste Ansprechperson in Sachen Kindeswohl akzeptiert zu werden.

Was beide Bücher eint: Sie zeigen neue Weg zum Thema Mutter- und Elternschaft auf. Sie tun das mit Klugheit und Humor, mit Respekt für einander und vor allem jenseits von Klischees, Opferrollen und Schuldzuweisungen. Beide sind sie von Paaren verfasst - auch Haakes Frau meldet sich zu Wort -, denen es wichtig ist, ihre Verantwortung als Eltern gemeinsam zu denken und zu leben. Beide Familien beschreiben diesen Weg als konzeptuelle Arbeit, als Auseinandersetzung mit sich und mit einander. Doch beiden, da gleichen sich die Resümee, sind ihre Wege alternativlos, denn sie bringen vor allem eines: einen stimmigen wie lohnenden Perspektivenwechsel und eine Bereicherung für alle Beteiligten.